Emil Julius Gumbel

Der Heidelberger Mathematiker Emil Julius Gumbel veröffentlichte 1924 die Schrift "Vier Jahre politischer Mord", in der nachgewiesen wurde, dass weitaus mehr Linke von Rechten ermordet wurden als umgekehrt, dass aber die Linken zu weitaus höheren Strafen verurteilt wurden als die Rechten: Die deutsche Justiz hatte zweierlei Maß. Gumbels Schrift änderte daran leider nichts, ihm selbst wurde schließlich auf Betreiben nationalsozialistischer Studenten die Lehrerlaubnis entzogen, er ging ins Exil. Dennoch ist der Nachweis von Ungerechtigkeit kein bloßer Kommentar zur Geschichte, sondern kann hin und wieder etwas ändern, und wäre es nur, weil ein Ungerechter ungern als solcher dasteht.

Dienstag, 25. Februar 2014

Was tut das ukrainische Parlament?

Dieses fasst zur Zeit im Minutentakt Beschlüsse (s. http://iportal.rada.gov.ua/news/zak/page/1#)

Am Sonntag, den 23. Februar wurde um 13:06 das Gesetz "Über die Grundlagen der staatlichen Sprachenpolitik" aufgehoben, das jeder Sprache in den Regionen, in denen sie Muttersprache von mindestens 10 Prozent der Bevölkerung ist, den Status einer Regionalsprache gab, die auch in der Verwaltung, vor Gerichten, etc. verwendet werden kann. Nach dem Beschluss dieses Gesetzes im September vergangenen Jahres brach eine große Kampagne der ukrainischen Nationalisten gegen das Gesetz an. Jetzt also haben sie vorläufig gewonnen, da Ukrainisch wieder die einzige zulässige Verwaltungssprache in der ganzen Ukraine ist.

So much for 'Demokraten gegen Despoten'. Vor Jahren, als ich nach der orangenen Revolution mit dem Fahrrad quer durch die Ukraine fuhr, unterhielt ich mich mit jungen Ukrainern in Katerstimmung.  Ich kann mich an Sergeij erinnern, der für die Proteste nach Kiew gefahren war und kurz an allgemeine Verbesserung der Verhältnisse geglaubt hatte und mit einem Austausch der maßgeblichen Oligarchen aufgewacht war. Ich kann mich übrigens nicht erinnern, ob seine Muttersprache Russisch oder Ukrainisch war.  Er jedenfalls hatte Öl- und Gasexploration in der Ukraine studiert, dann aber nur eine Stelle in Sibirien gefunden. Er fuhr jeweils für ein bis zwei Monate nach Sibirien und verbrachte dann einen in Burshtyn. In gleicher Weise im Westen Arbeit zu suchen wäre kaum möglich gewesen, da Visen schwer zu bekommen waren und sind. -- Man beachte die feinen Unterschiede einer europäisch-amerikanischen Rhetorik, die immer wieder beschwört, die Ukraine zähle irgendwie zum Westen oder zu Europa, aber um Himmels Willen keine ukrainischen Arbeiter auf dem europäischen Markt haben will. Es geht den Geopolitikern offenbar nicht um die Ukrainer, sondern um die Ukraine. Den meisten Ukrainern ist mit dem Austausch von Kleptokraten oder etwas mehr oder weniger Nationalismus natürlich nicht gedient, wäre diese Veränderung auch noch so schön verpackt in
Silberpapier, Freedom-Gedöns und Marschmusik; sie würden nur gerne unter würdigen Umständen arbeiten und leben.

Die auf zerrütteten Verhältnissen parasitierenden nationalistischen und rassistischen Ideologien bleiben widerlich, auch wenn man die Mechanismen erkennt, die sie begünstigen. Ich kann mich an ukranische (übrigens auch polnische, litauische) Nationalisten erinnern, die erklärten, sie seien Europäer, im Gegensatz zu denen, den Russen, den Asiaten. Und erinnern kann ich mich auch an Gedenktafeln, die die Taten von Nazikollaborateuren priesen, zwischen Lwiw, Lwow, Lwów, Lemberg und der Grenze zu Rumänien.

Die westliche Berichterstattung war von einer so unreflektierten Einseitigkeit, dass, da Verschwörungstheorien mir nicht einleuchten, nur Dummheit, Eitelkeit und mangelnde Sprachkenntnisse als Erklärung dienen können. Gemischt natürlich mit Relikten eines Weltbilds des Kalten Krieges. Die Dummheit besteht nicht darin, Janukowitsch aus diesen oder jenen Gründen abzulehnen, sondern in der Befürwortung von Janukowitschs Gegnern.  Vor wenigen Tagen haben zeitgleich das ZDF und die FAZ eine Erwiderung auf den zumindest bei einem Teil der 'Majdan'-Bewegung nachweisbaren Antisemitismus (Swoboda, Rechter Sektor) veröffentlicht. Das mit dem Antisemitismus sei ja viel besser geworden in den letzten Jahren, so die Bilanz. Antirussisch ist ja sowieso in Ordnung, und der Antisemitismus anscheinend in einem gewissen Ausmaß bei Gruppen, die einem genehm sind, auch.

Nun wird das Gesetz über die Sprachenpolitik, das unter Janukowitsch beschlossen wurde, vom Parlament für ungültig erklärt.  Der Entwurf für ein Nachfolgegesetz soll ausgerechnet von Swoboda ausgehandelt werden.  Europa beklatscht munter die Opposition, während diese ein der  Europäischen Charta der Regional- oder Minderheitensprachen zumindest halbwechs konformes Gesetz kippt.  Seltsam, wirr, dumm.  Wer hat nun in der Vergangenheit wie zu besagtem Gesetz Stellung genommen?  Nun, neben einem Großteil der Gruppen, die die Proteste angeführt haben etwa auch ThinkTanks wie "Freedom House":

Thus Ukraine suffered a decline for a second year due to the politically motivated imprisonment of opposition leaders, flawed legislative elections, and a new law favoring the Russian-speaking portion of the population (Freedom in the World 2013).
Wer steht dahinter? Die Frage muss man stellen, da die Aussage mehrfach falsch ist: Offensichtlich verstößt es gegen so ziemlich alle Ideen von Freiheit etc., der Muttersprache der nahezu halben Bevölkerung eines Landes keinen verfassungsmäßigen Status zu geben. Darüber hinaus wird die 'Russian-speaking population' keineswegs bevorzugt, indem man ihnen Rechte gibt, die die ukrainischsprachige Bevölkerung selbstverständlich genießt. Nur vor einem Verständnis, das Russland in der Rolle des Bösewichts und die russischsprachigen Bevölkerung in der  Rolle des Handlangers sieht, kann so ein Satz einen Sinn haben.  -- Hinter Freedom House stehen unter anderem die Regierung der USA und George Soros als Geldgeber.

Zurück zur Fahrradtour, die mich anschließen durch Moldavien, nach Transnistrien und zurück in die Ukraine führte. Im Falle Moldaviens hat die 'internationale Gemeinschaft' des Westens ebenso die Nationalisten zur Diskriminierung des russischsprachigen Landesteils beglückwünscht, der sich darauf selbständig machte.  Bis heute wird Transnistrien vom Westen nicht anerkannt, Moldavien sehr wohl, dabei war Chișinăus Sprachpolitik in krassem Widerspruch zu den Werten, die der Westen angeblich hochhält und gerade nach "unseren" angeblichen Kriterien die Sezession von Transnistrien nur zu verständlich. 

Es bleibt festzuhalten, dass, wer Werte nur eben so, wo sie nützlich sind, als Propagandainstrument verwendet, sonst aber nicht beachtet, keine Werte hat. "Kiev is free!" Ja, passt schon.

2 Kommentare:

Anonym hat gesagt…

Ja, wie ekelhaft einseitig.
Man muß 2014 schon arg wenig im Gedächtnis behalten haben, um die westliche Heiligsprechung Timoschenkos 2004-2012 allen Ernstes vergessen zu haben? EM 2012, na? "Orangene Revolution", die die FAZ bis 2010 schönredete, wie sämtliche "Experten"? Das schrien doch die apps spätestens seit 2011!

Nun plötzlich schreiben wieder alle, von Dobbert in der Zeit bis zu beinahe sämtlichen Medien zeitgleich, urplötzlich von der "umstrittenen", ja "machthungrigen" Timoschenko.
Es zwingt uns ja niemand mit dem Gewehr, 2004-12 zu vergessen.

Russland ("Putin") wird zwar als undemokratisch agierendes Land beschrieben - die 13% flat tax, die Marktradikalität aber kritisiert man im monatelangen "Putin, Putin"-Kampfschreiben nie. Ähnlichkeiten mit Politik gegen Arme in USA und Europa werden ausgelassen.

25.2. redete Phoenix wieder Bandera und Swoboda halb schön. Das sei vor allem die Suche nach "nationaler Identität". Das hört man in uns unangenehmen Ländern jedesmal anders!

Es gab bei Phoenix gestern den vertrauensweckenden Professor, der wie gewünscht abnickte, was gefragt wurde, und einen Film mit Marina Weisband.

Weisband hatte kurz vor dem Sturz des korrupten Janukowitsch gesagt, die rechte Gefahr sei eher russische Propaganda, es klang teilweise verharmlosend. Man müsse sich halt wehren. (Warum mit Faschisten? Warum keine Nachfrage im Spiegel, sonst wird immer bei Faschisten nachgefragt?)
http://www.spiegel.de/politik/ausland/marina-weisband-ueber-maidan-und-protest-in-kiew-a-954479.html

Direkt nach dem Sturz, als sie erneut einflog, klang sie dann schon anders. "Ja, es besteht die Gefahr, dass rechte Kräfte die Macht bekommen. Aber die meisten halten das für unwahrscheinlich."
"http://www.spiegel.de/politik/ausland/interview-mit-marina-weisband-auf-dem-maidan-viele-sind-frustriert-a-955163.html

Warum sollte Phoenix keinen Film mit einem Medienstar machen. Warum nicht 2 Spiegel-Interviews. Aber als "Expertin"?
Weisband sagte vor dem Sturz noch, Klitschko sei unwichtig und würde in Deutschland überschätzt. (Von russischer Propaganda erzählte sie gern. Daß "Bild" eine täglche Klitschko-Kolumne hatte - das geruhte sie, wie der Spiegel, nicht zu bemerken.)

Nach dem Sturz ist sie plötzlich für Klitschko. Fände aber auch Timoschenko, über die in Frank Schumanns "Die Gauklerin", edition ost, viel zu lesen wäre, nicht schlecht.

Das Beispiel ist nur eins aus tausenderlei solcher Einseitigkeit.
Niemand von taz bis Bild fragte meines Wissens, was immerhin manche in den Kommentaren unter Artikeln fragten. Was wäre, wenn in Berlin geschähe, was auf dem Maidan geschah? Monatelang? Wie würde die Presse schreiben? Wäre dann alles so schwarz-weiß, wie wir hochmoralisch belehrt werden?

Am übelsten liest und sieht man die Einseitigkeit in Interviews mit vielen Grünen, wie Göring-Eckardt, Rebecca Harms, Volker und Marieluise Beck, gern im DLF. Oder von Martin Schulz, SPD, usw. Verzerrungen, Aulassungen. Die wir sicher zurecht, ich kann nicht russisch lesen - den russischen Medien unterstellen.

Grauenhaft, diese Doppelmoral. Dabei hätte man die ja friedlichen Leute auf dem Maidan, die anfangs jede Regierung weghaben wollten, die die Korruption unter Juschtschenko/Timoschenko wie unter Janukowitsch gräßlich fanden, viel besser beschreiben können, hätten man nicht soviel umgebogen.
Allerdings wurde uns eine Distanz der Demonstrierenden zur ebenso üblen Einflußnahme der EU (Merkel, Carl Bildt, usw) oder zu McCain, der auf dem Maidan auftrat, nicht berichtet.

Ich hörte von einer Ukrainerin, "Griechenland helfen sie, aber uns nicht". Die sogenannte "Hilfe" der EU und der Troika würde den Armen in der Ukraine niemals "helfen". Und eigentlich muß man das wissen, wenn man drüber spricht. Es war aber völlig unbekannt. Auch dank der westlichen Medien.

Anonym hat gesagt…

Nach diesem somewhat lengthy comment^^ wollte ich nur kurz ergänzen, daß die schwedischen Medien die deutsche Russophobie statt Kritik an Putin noch übertreffen, und manchmal um einiges. Carl Bildt unterscheidet sich in seinen "Argumenten" kaum von wirklichen hardlinern der neuen Grünen bei uns. Was mich verwundert, ist, daß ab und zu schwedische Kommentatoren und Leser in Anmerkungen die FAZ als "fair zwischen Russland und der EU pendelnd" einordnen. Es gibt immer noch ganz erstaunliche Mißverständnisse, da außer dem Schreiber dieses blogs kaum jemand 10 Sprachen gut sprechen und verstehen kann...