Emil Julius Gumbel

Der Heidelberger Mathematiker Emil Julius Gumbel veröffentlichte 1924 die Schrift "Vier Jahre politischer Mord", in der nachgewiesen wurde, dass weitaus mehr Linke von Rechten ermordet wurden als umgekehrt, dass aber die Linken zu weitaus höheren Strafen verurteilt wurden als die Rechten: Die deutsche Justiz hatte zweierlei Maß. Gumbels Schrift änderte daran leider nichts, ihm selbst wurde schließlich auf Betreiben nationalsozialistischer Studenten die Lehrerlaubnis entzogen, er ging ins Exil. Dennoch ist der Nachweis von Ungerechtigkeit kein bloßer Kommentar zur Geschichte, sondern kann hin und wieder etwas ändern, und wäre es nur, weil ein Ungerechter ungern als solcher dasteht.

Montag, 10. Juni 2019

Dies und das -- Nebel und gute Sicht

Schnipsel, I

Das Leben lässt mir gerade nur kurze Zeitschnipsel, in denen ich mich einer Sache widmen kann. Das ist natürlich keine Entschuldigung dafür, nichts Längeres mehr zustande zu bringen, aber doch eine teilweise Erklärung. Denn in den Zeitschnipseln entstehen eben Gedankenschnipsel, die zusammenzufügen ziemlich viele weitere Zeitschnipsel erfordern würde. Soll man nun Schnipsel veröffentlichen, noch dazu in einem Blog, den so gut wie niemand liest? Ja, warum denn nicht, wenn's eh schon keinen Sinn hat.

Rezo und Europawahl

Ein aufklärerisches Video und die unsachlichen Reaktionen

Vor der Europawahl gab es viel Lärm um das Video des Bloggers Rezo, den ich ebenso wie das Video selbst zumeist ignoriert habe. Der Inhalt des besagten Videos wurde gelegentlich erwähnt und schien vernünftig, nämlich unter anderem gut belegte Fakten wiederzugeben.  Aber ich hab's trotzdem weiter ignoriert. Dann fiel mir eine Ausgabe der Berliner Zeitung in die Hand,  in der der Inhalt des Videos seltsam unsachlich kritisiert wurde. Und Dr. Schäuble wurde dort interviewt, der das Video als Beispiel für unkonzentriert-unsachlichen Umgang der Jugend mit der Wirklichkeit abtat. Sie lesen halt keine Bücher mehr, die jungen Leute! Da nun aber das Sündenregister der CDU (und nicht nur der CDU) die wachsende Armut, völkerrechtswidrige Kriege der NATO und der BRD und der Klimawandel, bzw. unser Versagen in der Klimapolitik allesamt im Buchmaßstab nachlesbar sind, war diese Äußerung des Dr. Schäuble offensichtlich blöd und unsachlich. Es schien zu besagen: Wer sich nur richtig mit den Dingen befasst, wird uns Recht geben. Weit gefehlt. Als mir dann noch ein Freund das Video empfahl, gab ich endlich nach und schaute es mir an. Und sieh da, es war aufklärerisch. Dass ein aufklärerisches Video heute viel mehr Leute erreicht als eine aufklärerische Flugschrift, ist nun einmal so, aber daraus ein 'O tempora, o mores!' zu machen, verrät Engstirnigkeit oder einfach nur Parteiischkeit. Rezo stellt ein Sündenregister der Bundesregierungen der letzten Jahrzehnte zusammen und belegt es mit lauter wissenschaftlichen und behördlich-offiziellen Quellen.  Es sind auch Bücher dabei. Nun mag Rezo die Quellen nicht alle gründlich studiert haben, aber es sind die richtigen Quellen. Zum Klimawandel etwa ist es u.a. der IPCC-Bericht, eine Metaquelle, die den Forschungsstand und damit Tausende von wissenschaftlichen Arbeiten von Tausenden von Menschen zusammen. Auch quantifiziert der Bericht jeweils die eigenen Irrtumswahrscheinlichkeiten.  Und doch kann ein Schäuble das als unsachlich abtun, ohne dass ihm diese Unsachlichkeit wirklich um die Ohren flöge. Allerdings werden sich auch bald die Pforten des Hades hinter im schließen, so dass auch keine Rolle mehr spielt, was ihm um die Ohren fliegt oder auch nicht.  Es ist aber ein Symptom, dass sich seine eigene Partei nicht schleunigst von solcher verlogener Hilfe distanziert.

Fängt man einmal an, das Ignorieren aufzugeben, stößt man auf immer mehr. Zum Beispiel auf eine Phönix-Runde, in der  unter anderem Thilo Jung von 'jung und naiv' befragt wurde, was denn seiner Meinung nach die richtige Reaktion der CDU auf dieses Video gewesen wäre. Er meinte, die einzig richtige Reaktion wäre gewesen, 'ja, stimmt!' zu sagen.  Darauf kam dann der Historiker Andreas Rödder aus Mainz zu Wort und sah in dieser Aussage einen Verfall der demokratischen Kultur. Man könne ja den anderen nicht vorschreiben, was sie denken müssen.  Leider gelang es Jung nicht, an dieser Stelle einzuhaken und  klar zu machen, dass der allergrößte Teil des besagten Videos nun eben wissenschaftlich belegte Tatsachen zusammenfasste, die tatsächlich keine andere vernünftige Reaktion als 'ja, stimmt!' zulassen. Lediglich die Bewertungen und Meinungen müssen 'frei' sein. Zum Beispiel könnten die CDU/CSU und die mit ihr sich traurig zugrundekoalierende SPD sagen: "Die Fakten stimmen, aber wir können einfach keine Klimapolitik zum Schaden der deutschen Wirtschaft riskieren, auch wenn dann später alles vor die Hunde geht. Und wir können nichts gegen die wachsende Ungleichheit tun, ohne in die Wirtschaft stärker einzugreifen, was wir uns ja als treue Anhänger*innen des Schäuble'schen Ordo-Liberalismus verkneifen."   Und Rödder musste als Wissenschaftler ja eigentlich wissen, worauf sich Jungs Satz bezog und hat damit bewusst durch sein Scheinargument die Aussage des Gegenübers verzerrt. (Er ist halt, so leid mir's tut, nicht nur Wissenschaftler, sondern auch parteiisch, sonst landet man auch nicht im Vorstand der Konrad-Adenauer-Stiftung.)

Die Kommentare unter dem Video schienen überwiegend positiv; interessanterweise arbeiteten die negativen Kommentare, die ich gesehen habe, sich ausgerechnet am wissenschaftliche nicht Bezweifelbaren ab (IPCC-Bericht), verwiesen auf irgendwelche halbseidenen  wissenschaftlichen Dissidenten oder schimpften einfach nur über 'diese Lügen'.

Was aber doch seltsamerweise fehlte

Wo es in dem Video um die Beteiligung der BRD an völkerrechtswidrigen Kriegen ging, wurde auch nur Unbezweifelbares behauptet (was nun wieder die Berliner Zeitung nicht kapieren wollte).

An dieser Stelle fiel aber ein Mangel auf: Dass Joschka Fischer bzw. die Grünen, bzw. die rot-grüne Koalition für den ersten dieser völkerrechtswidrigen Kriege, an denen sich die Bundeswehr beteiligte, verantwortlich zeichnete, hätte doch erwähnt gehört.  Und Hartz IV, nun ja, das haben auch die Grünen mit  getragen. Und den kalten Krieg mit Russland betreiben vorzüglich auch die Grünen, bzw. deren Stiftung und darin Gestalten wie Ralf Fücks.

Dieser Mangel ist auch deshalb bedauerlich, weil die Wähler*innen, die völlig zu Recht CDU/CSU/SPD für unwählbar hielten, scharenweise den Gründen zugelaufen sind, von denen weder friedenspolitisch (s.o.) noch sozialpolitisch
noch einwanderungspolitisch Gutes erwartet werden darf. Und wie u.a. Hamburg und Baden-Württemberg zeigen, ist es auch mit der Umweltpolitik bei den Grünen nicht so weit her, wenn wirtschaftliche und sonstige politische Interessen im Spiel sind.  Wie der Postillon titelte, seien die Wähler der Gründen meist zu jung, um sich an Rot-Grün zu erinnern.  Wie's scheint, werden die Grünen bald wieder eine größere Bühne für den Verrat bekommen, der die fehlende Erinnerung ersetzen dürfte.

Die Europawahlergebnisse geben also  Hoffnung in der Negation. Richtig abzulehnen ist ein guter Anfang. Die ideologische Misere, in der die richtigen Affirmationen fehlen, ist damit einstweilen nicht behoben. Alle Analysen, die nicht den Kapitalismus selbst angreifen, sind meines Erachtens nur Murks.

Und noch mehr seltsame Reaktionen

Es mag übrigens sein, dass das Thema Klimawandel zwar recht allgemein -- bis auf die Unverbesserlichen -- als wichtig erkannt ist, dass aber die Grünen zu wählen dafür steht, dass sich etwaige Maßnahmen nicht allzu nachteilig auf den eigenen Lebensstil auswirken werden.

Kurioserweise hat sich bald nach dem Wahldesaster und nachdem nun dem letzten klar geworden sein dürfte, dass der Ausstieg aus der Braunkohle bis 2038  viel zu spät ist, wenn die BRD irgendwelche der gegebenen Versprechen einhalten und gleiches von anderen erwarten will, in der CDU Kritik in die offenbar falsche Richtung hören lassen.

 Natürlich sei zugegeben, dass die komplette Weigerung der USA,  irgendwas zur Reduktion der Treibhausgase zu tun, eine Art Schirm bildet, hinter dem das zögerliche Halb-und-halb der europäischen Vasallen sich noch als anständig darstellen kann.  Wie auch immer, ausgerechnet jetzt haben sich in der CDU Kritiker des Kohlekompromisses zu Wort gemeldet: Er ist ihnen zu früh und von Ausgleichsmaßnahmen für die betroffenen Regionen wollen sie auch nichts hören.   In der Verlautbarung dieser steindummen Dissidenten steht unter anderem:

Es ist unsere verdammte Pflicht, mit dem sauer verdienten Geld (Hervorhebung von mir) der  Bürger und Bürgerinnen sorgsam und überlegt umzugehen.

Dass das Ansinnen vielleicht im Dienste einer Lobby überlegt, aber grob unvernünftig ist, ist sowieso klar. Wüsste man's nicht, so wäre diese Formulierung in ihrer vertrauten Verlogenheit ein Anlass, misstrauisch zu sein. Viel Geld wird nämlich keineswegs sauer, sondern durch Immobilienspekulation, Kapitalgewinne und Ausnutzung einer Marktposition verdient.  Sich als Freund des einfachen Bürgers anzuwanzen, während man doch offenbar irgendjemandes Lobbyist ist, ist schon dreist. Möge es ihnen auf den Kopf fallen.