Emil Julius Gumbel

Der Heidelberger Mathematiker Emil Julius Gumbel veröffentlichte 1924 die Schrift "Vier Jahre politischer Mord", in der nachgewiesen wurde, dass weitaus mehr Linke von Rechten ermordet wurden als umgekehrt, dass aber die Linken zu weitaus höheren Strafen verurteilt wurden als die Rechten: Die deutsche Justiz hatte zweierlei Maß. Gumbels Schrift änderte daran leider nichts, ihm selbst wurde schließlich auf Betreiben nationalsozialistischer Studenten die Lehrerlaubnis entzogen, er ging ins Exil. Dennoch ist der Nachweis von Ungerechtigkeit kein bloßer Kommentar zur Geschichte, sondern kann hin und wieder etwas ändern, und wäre es nur, weil ein Ungerechter ungern als solcher dasteht.
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Dienstag, 1. März 2011

Klein Zaches ist von uns gegangen

Es waren aber nicht die Zauberhaare, die ihm eine Fee verliehen hat, sondern die Bild-Zeitung, die das Urteil etabliert, es handle sich um den fähigsten Mann im Reich. Klein Zaches ist zurückgetreten. Im Folgenden zitiere ich seine Rücktrittsrede nach FAZ:

Es ist der schmerzlichste Schritt meines Lebens. Und ich gehe nicht alleine wegen meiner so fehlerhaften Doktorarbeit, wiewohl ich verstehe, dass dies für große Teile der Wissenschaft ein Anlass wäre. Der Grund liegt im Besonderen in der Frage, ob ich den höchsten Ansprüchen, die ich selbst an meine Verantwortung anlege, noch nachkommen kann.

Lies und staune: Er lobt sich für die eigenen höchsten Ansprüche, zugleich für sein Verantwortungsbewusstsein, gibt aber gleichzeitig weder Betrug noch Lüge zu. Der Mann bereitet sein Comeback vor.

Wenn allerdings, wie in den letzten Wochen geschehen, die öffentliche und mediale Betrachtung fast ausschließlich auf die Person Guttenberg und seine Dissertation statt beispielsweise auf den Tod und die Verwundung von 13 Soldaten abzielt, so findet eine dramatische Verschiebung der Aufmerksamkeit zulasten der mir Anvertrauten statt.

Er schämt sich nicht, die 'toten Soldaten' rhetorisch zu verwursten und -wenden: zur Relativierung des eigenen Fehlers und zur Anklage der Medien. Wie wäre es übrigens um Klein Zaches bestellt, wenn die Medien sich mehr um die Toten gekümmert hätten, die toten Soldaten und die mit deutscher Hilfe getöteten Zivilisten, in einem Krieg, der beim besten Willen nicht als Verteidigung der Bundesrepublik gelten kann? Mit einem Verteidigungsminister, der ohne Bescheid zu wissen, das Bombardement in Kundus rechtfertigt, und später dann Schneiderhahn abserviert, der ihn falsch informiert habe, was dieser bis heute bestreitet. An Klein Zaches bleibt nichts hängen.

Es geht so weiter in der Erklärung. Er hat nicht etwa deshalb solange mit dem Rücktritt gewartet, zunächst alles abgestritten und dann allmählich mehr, wenn auch nicht das Entscheidende zugegeben, weil er hoffte, damit durchzukommen, sondern, na? was sonst?, wegen der 'toten Soldaten' und um sein 'Haus zu bestellen', und

Zunächst ein möglicherweise für manche unbefriedigender, aber allzu menschlicher Grund. Wohl niemand wird leicht, geschweige denn leichtfertig, das Amt aufgebenwollen, an dem das ganze Herzblut hängt. Ein Amt, das Verantwortung für viele Menschen und deren Leben beinhaltet.

Er gibt als 'allzu menschlichen Grund' etwas zu, was letztlich doch wieder eine Tugend ist. Und so weiter ad nauseam. Es gibt aber doch weiter viele Kommentare im Netz, jetzt habe der linke Mob (o.ä.) unseren fähigsten Politiker aus dem Amt gehetzt. Die Fee/die Bild wirkt wahre Wunder in Fehldarstellung der Wirklichkeit. Mit dem ihr eigenen typographischen Rhythmus kommt ein Tittenbild, ein Interview mit Sarrazin, ein Tittenbild, eine Leugnung des anthropogenen Klimawandels, ein Tittenbild, ein Artikel über angebliche Sozialschmarotzer. Wer setzt die Themen und Ziele der Springer-Medien? Medien, die sich nicht der Wahrheit verpflichtet fühlen, sind eine Gefahr für jede Demokratie, da aus einer verlogenen Darstellung der Welt anschließend manipulierte Urteile werden. Das hier Beklagte hat übrigens nichts mit Links und Rechts zu tun: In der 'causa Guttenberg' waren sich FAZ und Süddeutsche in ihrem Ekel über die Darstellung der Bild-Zeitung einig. Die wiederum machte gegen die Klugscheißer, Sesselfurzer, Korinthenkacker, Bildungsbürger, Schnösel mobil. Ich möchte aber bezweifeln, dass sie viele Schreinermeister damit erreicht, die mit erschlichenen Meisterbriefen durchaus nichts anzufangen wissen, und auch mein Vater, ein alter Bauer, mag keine Betrüger in hohen Ämtern.

Klein Zaches, genannt Zinnober, wird wiederkommen, sieht ganz so aus.

(E. T. A. Hoffmann: Klein Zaches, genannt Zinnober, zitiert nach Projekt Gutenberg)

Der Minister begab sich mit dem Kleinen zum Fürsten. Zinnober zog das Memoire, das ihm der Minister gegeben, aus der Tasche und fing an zulesen. Da es damit aber nun gar nicht recht gehen wollte und er nur lauter unverständliches Zeug murrte und schnurrte, nahm ihm der
Minister das Papier aus den Händen und las selbst. Der Fürst schien ganz entzückt, er gab seinen Beifall zu erkennen, ein Mal über das andere rufend: "Schön - gut gesagt - herrlich - treffend!" -

Sowie der Minister geendet, schritt der Fürst geradezu los auf den kleinen Zinnober, hob ihn in die Höhe, drückte ihn an seine Brust, gerade dahin, wo ihm (dem Fürsten) der große Stern des grüngefleckten Tigers saß, und stammelte und schluchzte, während ihm häufige Tränen aus den Augen flossen: "Nein! - solch ein Mann - solch ein Talent!- solcher Eifer - solche Liebe - es ist zu viel - zu viel!" Dann gefaßter: "Zinnober! - ich erhebe Sie hiermit zu meinem Minister! - Bleiben Sie dem Vaterlande hold und treu, bleiben Sie ein wackrer Diener der Barsanuphe, von denen Sie geehrt - geliebt werden." Und nun sich mit verdrüßlichem Blick zum Minister wendend: "Ich bemerke, lieber Baron von Mondschein, daß seit einiger Zeit Ihre Kräfte
nachlassen. Ruhe auf Ihren Gütern wird Ihnen heilbringend sein! - Leben Sie wohl!" -

Dienstag, 22. Februar 2011

Der Adel sei auch nicht mehr, was er mal war,

sagte mein Tischnachbar.

Er meinte damit den Guttenberg, dessen ausgiebiges Abschreiben oder Abschreiben-lassen auf der Website 'guttenplag' dokumentiert ist. Da musste ich ihm widersprechen: der Adel sei noch nie gewesen, was er angeblich mal war. Friedrich Wilhelm Prinz von Preußen hat laut SZ in den 70er Jahren seine Dissertation zu großen Teilen abgekupfert. Und was politische Tugenden angeht: In der vielbeschworenen Guttenberg-Verwandtschaft gab es nicht nur Widerstandskämpfer, sondern etwa auch den am Kapp-Putsch beteiligten Urgroßvater Georg Enoch. So ist es halt mit großen, alten, reichen Familien; und so wie das eine kein Grund ist, die späten Nachfahren zu tadeln, sollte das andere kein Grund sein, sie zu loben. Letzteres war aber seit Jahren der Fall, Zeitungsartikel und Fernsehdokumentationen bedienten die Sehnsucht nach den "alten Eliten." Man versuchte einem ererbten Reichtum und Titel auch noch ererbte Tugend, Klugheit und Ehrlichkeit und Unabhängigkeit zuzusprechen. Der treueste Verbündete des Freiherrn wurde die Bild-Zeitung. Der hat Charakter! Der sagt, was er denkt! Der is wer! Bismarck! Guttenberg!

Eine gewisse Unabhängigkeit von fremden Urteilen mag der Landadel, wie Fontane sich ihn wünschte, wirklich einmal gehabt haben, wenn auch vermischt mit durchschnittlich reaktionären Ansichten. Der alte Stechlin würde sich nicht anbiedern und sicher auch einem Schmutzblatt wie der Bild-Zeitung keine Interviews geben, noch mit seiner Gattin grinsend vor Kameras durchs Kriegsgebiet laufen.

Die angeblich alten Eliten benehmen sich genau wie anerkennungssüchtige Parvenus, sind also wohl welche. Renommieren mit Titel und Auftreten reicht nicht, es muss auch ein Doktorgrad her. Und es sollte natürlich auch eine ausgezeichnete Arbeit werden, selbst wenn es dafür intellektuell oder zeitlich nicht reichte. Die Arbeit bezeugt eine solche Dreistigkeit im Plagiieren, dass deren Autor doch von eher mäßiger Intelligenz sein muss. Fans der Schmalzlocke können sich nun aussuchen, ob Guttenberg der Autor ist oder sich die Arbeit schreiben ließ.

Die Unehrlichkeit seiner Äußerungen vor der Presse, die auf Ehrlichkeit machten, die Claqueure, die ihn zum Opfer von Neid und Parteigeist erklären, das ist alles ebenso eklig wie lustig. Es versteht sich von selbst, dass die Claqueure ihrerseits von reinem Parteigeist getrieben sind (wie die Strauß-Tochter Monika Hohlmeier bei Anne Will) , und dass sie vor lauter politischer Schläue oder Treue nicht sehen, wie sie sich vor anständigen Maßstäben um Kopf und Kragen reden. Solange allerdings die BILD-Zeitung (Wagner), die Welt (Broder) et al. eine antiintellektuelle Stimmung anheizen, werden sie dadurch womöglich beliebter. (Ob Broder bemerkt, in welchen Jahren die antiintellektuelle Trompete gebaut wurde?) Der gesunde Menschenverstand soll's dem Guttenberg nicht übelnehmen, dass er beschissen hat. Was ist schon ein Doktor! Das nun aber hat Guttenberg offenbar nicht gedacht, nur bis zu diesem Widerspruch kommen weder Broder noch Wagner noch leserbriefschreibende Guttenberg-Fans. Hätt er's nur gedacht: Was ist schon ein Doktor, ich geh lieber spazieren. Hat er aber nicht.

Mein Tischnachbar wollte nicht nachgeben. Der Adel sei nicht mehr, was er mal war, beharrte er. Früher hätte sich ein entehrter Freiherr, eine kurze Notiz zurücklassend, erschossen. Und jetzt stattdessen Gelaber. 'Mein Jott, du hast aber rückwärtsgewandte Sehnsüchte!' erwiderte ich, zahlte mein Bier und ging.

Man sollte sich keineswegs zu sehr freuen, wenn einer aus den falschen Gründen stürzt, der aus anderen Gründen zu stürzen verdient. Die Selbstdarstellungs- und Kriegs-Propaganda-Auftritte in Afghanistan sind das eigentliche Ärgernis des Politikers Guttenberg, nicht die in den Plagiaten deutlich werdenden Charaktermängel. Allerdings muss sich eine repräsentative Demokratie auch Urteile über den Charakter ihrer Repräsentanten bilden.