Emil Julius Gumbel

Der Heidelberger Mathematiker Emil Julius Gumbel veröffentlichte 1924 die Schrift "Vier Jahre politischer Mord", in der nachgewiesen wurde, dass weitaus mehr Linke von Rechten ermordet wurden als umgekehrt, dass aber die Linken zu weitaus höheren Strafen verurteilt wurden als die Rechten: Die deutsche Justiz hatte zweierlei Maß. Gumbels Schrift änderte daran leider nichts, ihm selbst wurde schließlich auf Betreiben nationalsozialistischer Studenten die Lehrerlaubnis entzogen, er ging ins Exil. Dennoch ist der Nachweis von Ungerechtigkeit kein bloßer Kommentar zur Geschichte, sondern kann hin und wieder etwas ändern, und wäre es nur, weil ein Ungerechter ungern als solcher dasteht.

Montag, 8. Dezember 2014

Sterben light

Die Afghanen haben ja einen ganz anderen Umgang mit dem Tod als wir. Für die ist das nicht so schlimm. (Reinhard Wolski, deutscher General bei der Isaf)

 

Wie man den Bellum Iustum gegen die Taliban erklärt


Wir erinnern uns oder sollten uns erinnern: Der Krieg gegen den souveränen Staat Afghanistan wurde deshalb von den USA und ihren Verbündeten beschlossen, weil das Land die Gruppe um Osama bin Laden beherbergte, der 9/11 zugeschrieben wurde. Die afghanische Regierung war bereit zu einem Prozess gegen die Gruppe in Afghanistan, nicht aber zu deren Auslieferung. Nach 9/11 wollte die amerikanische Regierung um jeden Preis handeln, auch wenn Handeln bedeutete, die falschen Leute aus den falschen Gründen zu bekämpfen. Unter dem Einfluss der schockierenden Bilder vom kollabierenden World Trade Center hatten die Staaten der westlichen Welt ihre Solidarität mit den USA in einer Weise erklärt, die für den Afghanistankrieg einen Blancoscheck darstellte.  Da nun aber gerade nicht der Staat "Afghanistan" für den Anschlag verantwortlich war, stand der Kriegsgrund zumindest auf dünnen Füßen, es bedurfte der Ergänzung durch größtmögliche Diffamierung der Taliban und speziell ihres Umgangs mit Frauen. Viele haben sich von Spindoktoren dazu missbrauchen lassen, den Krieg mit dieser Begründung zu rechtfertigen und sich zu ihrer ewigen Schande bereit gefunden, im Krieg ein vorzügliches Mittel des rechtlichen Fortschritts zu sehen.

Das gegenwärtige Afghanistan hat, was Frauenrechte betrifft, erneut eine ähnlich rückständige Gesetzgebung wie unter den Taliban. Gleiche Rechte für Frauen und Männer gab es in Afghanistan nur eine kurze Zeit, als die kommunistische, von der Sowjetunion gestützten Regierung der "Demokratischen Volkspartei" ab 1978  regierte. Jene Regierung ließen die USA bekanntlich von bewaffneten und reaktionären Islamisten bekämpfen, deren sich noch immer einige in den Reihen der "Al Qaida" befinden. Den Bürgerkrieg gewannen nach langen Jahren des Leidens die ebenfalls reaktionären "Taliban". Und doch herrschte immerhin zum ersten Mal seit zwanzig Jahren Friede, als die USA und ihre Verbündeten das Land neuerlich in die Luft sprengten. Wer die Entwicklungsmöglichkeit eines Friedens unter reaktionärer Herrschaft behauptet, wurde früher oder später mit dem 'Appeasement'-Vorwurf traktiert. Dazu mussten wiederum die Taliban verhitlert werden ('Islamofaschismus', etc.). Das aber wird vor keiner Geschichtsschreibung Bestand haben; unsympathische Reaktionäre sind noch keine Nazis. Die Taliban haben weder Vernichtungslager betrieben, noch Sympathien für die diversen Manifestationen des historischen Faschismus gezeigt, noch offensichtliches ethnisches oder rassisches Feindbild propagiert (was sie, nota bene, von westukrainischen Neonazis unterscheidet, die, das kann man beispielsweise  auf den Seiten von 'Pravi sektor Lviv' nachlesen, ein offenbar rassistisches Weltbild haben und sich als die Vertreter der 'weißen Christenheit' gegen die 'asiatischen Russen' sehen.  Einige der Gruppen sind auch offen antisemitisch. Und nein, das weiß ich nicht aus 'russischer Propaganda', sondern zumindest teilweise aus eigener Anschauung.)

Ein friedliches Gespräch mit den Taliban über alles, was wir an ihnen ablehnen, muss ausgeschlossen werden. Wir erwarten aber dennoch, dass, wer immer die Politik der BRD mit guten Gründen ablehnt, diese vorbringt, statt zu schießen. Deutsche Handelsketten sind an der entsetzlichen Ausbeutung südostasiatischer Frauen beteiligt. Das ist schon lange bekannt, wurde von internationalen Organisationen moniert, es ändert sich aber wenig bis nichts.  Daraus folgt dann wohl, dass mit der BRD nicht mehr gesprochen werden soll, sondern vielmehr geschossen.

Wie es nach dem Bellum Iustum gegen die Taliban aussieht


Üblicherweise erinnern wir uns nicht. Oder schlimmer, wir glaube uns vage an die Beteiligung an einem gerechtfertigten Krieg gegen "mittelalterliche" Gegner zu erinnern, die so schön dämonisiert wurden, dass es auf ein paar Verhackstückte mehr oder weniger nicht ankommt.  Es wurde ein Sieg erfochten für die Zivilisation und die Frauen, sofern diese nicht die Frauen  und Töchter der im Kriege ermordeten Männer bzw. selbst bedauerliche  'Kollateralschäden' waren.  Wen kümmerts, dass mehr Frauen in diesem Krieg verstümmelt oder getötet wurden, als eine besonders rückständige Auslegung der Scharia jemals verstümmelt oder getötet hätte? Wir sind die Zivilisation und spielen eine Variation des Themas von der Bürde des weißen Mannes. Und jetzt ist alles gut und Afghanistan sieht einer prächtigen Zukunft entgegen?

Im Tagesspiegel vom 1.12.2014 wurde darüber berichtet, dass große Flächen Afghanistans von Landminen und Blindgängern verseucht sind.

Mindestens 36 Menschen sind seit 2010 von Blindgänger getötet worden, die eindeutig von Nato-Truppen stammen, 86 wurden verletzt.

„Kein Militär hat jemals so viel Anstrengungen unternommen, zivile Opfer zu vermeiden wie die Nato-Schutztruppe Isaf.“ Diesen Satz hört man bei Isaf-Pressekonferenzen und Interviews mit westlichen Generälen immer wieder.

Ist das so? Der Artikel dokumentiert, dass die Minen und die Munition nicht nur nicht geräumt wurden, sondern die NATO bisher die Herausgabe einer gründlichen Dokumentation der Verteilung der verschossenen Munition schuldig bleibt, üblicherweise mit schwer nachvollziehbaren Geheimhaltungsgründen.

 Treffen mit Reinhard Wolski, dem deutschen General, der bei Isaf für die Blindgänger zuständig ist. Wir sprechen ihn auf das lange Schweigen der Nato an. Auf den Reuters-Bericht. Auf die hastig einberufene Krisensitzung. „Sie brauchen mir das alles nicht erzählen, ich war schließlich dabei“, raunzt er. „Gibt Isaf Daten über Blindgänger aus Gefechten frei?“

Wolski schweigt, sagt nur, dass Gefechtsfelder das größere Problem seien als Trainigsgelände. Ansonsten wolle er dazu nichts sagen, „und ich werde Ihnen auch nicht sagen, warum ich dazu nichts sage.“ Dann schweigt er wieder.

„Haben Sie keine Bedenken, dass es dem Ruf der Isaf-Mission schaden könnte, wenn Blindgänger Zivilisten töten?“

„Der Großteil aller zivilen Opfer in Afghanistan geht immer noch auf das Konto der Taliban“, sagt er. Und: „Die Afghanen haben ja einen ganz anderen Umgang mit dem Tod als wir. Für die ist das nicht so schlimm.“ Schlimm sei für die Afghanen, wenn man einen Koran verbrenne, nicht wenn jemand sterbe.


Nun könnte man erschüttert sein über den General und den neokolonialistischen Hochmut seiner Worte. Was Wolski sagt und tut,  tut aber auch die NATO/ISAF im Ganzen, die die Toten und Verstümmelten in Kauf nimmt. Der Gedanke, dass es nicht so genau drauf ankomme, muss der vorherrschende Gedanke in der Leitung der westlichen Truppen sein. Gewiefte Pressesprecher würden das Ganze aber in den süßen Seim von Freiheit, Menschenrechten und Sachzwängen einkleiden. Man muss Wolski letztlich danken, sich nicht als PR-Mann, sondern als Militär zu betragen, der sagt, was er denkt, und wär es noch so ekelerregend.  Es mag ihn am Ende seine Stellung kosten oder auch nicht. Unbeschadet aber werden die smarten Entscheidungsträger daraus hervorgehen, die bloß danach handeln, dass es auf ein paar tote Afghanen nicht ankommt, dies aber nie sagen würden.  -- Es gilt übrigens für die Gesamtheit der letzten Kriege, dass sie ohne diese Spielart des Kulturrelativismus nicht führbar wären.  Mindestens eine  Million durch die Invasion des Iraks gestorbene Iraker (Schätzung von 'The Lancet')  erschüttern kaum im Vergleich zu dreitausend im World Trade Center Ermordeten. Wenn den Irakern ihr Leben so lieb wäre wie uns, bliebe ihnen kaum etwas anderes übrig, als uns dafür zu hassen. Indem wir von ihnen das Gegenteil erwarten, gehen wir davon aus, dass sie die Toten gewissermaßen in anderen Maßeinheiten zählen.  Der Kulturrelativismus in Bezug aufs afghanische Sterben verträgt sich in unseren Köpfen mit der Verdammung des Kulturrelativismus, wenn es um die Rolle der afghanischen Frauen geht. Wie's halt gerade passt.


Wie geht es weiter?

 Die Nato sagt, für die Räumung der Trainingsgelände sei jede Nation selbst zuständig. Bernd Schütt war bis Juli Kommandeur im Regionalkommando Nord, dem Verantwortungsbereich der Bundeswehr. Er sagt, die Deutschen hätten alle ihre Schießbahnen geräumt, einen halben Meter tief.

Aber das ist nicht wahr. Die Bundeswehr selbst zeigt in einem Werbevideo, wie sie ihre Trainingsgelände geräumt hat. Soldaten laufen die „Westplatte“ in der Nähe von Kundus in einer Reihe im Abstand von fünf bis zehn Metern ab und lesen Munitionsreste in rote Plastikeimerchen; Munition, die nicht berührt werden darf, sprengen sie vor Ort. Unter der Erde suchen und räumen sie nicht. Am Ende stellen die Soldaten Schilder auf. Sie warnen vor Munitionsresten im Untergrund.

Diese oberflächliche Räumung ist (natürlich, wie sich selbst ein Zivilist denkt)  völlig unzureichend.


 Manche Nato-Länder haben nun zaghaft mit der Räumung begonnen. Von 284 Trainingsgeländen waren bis Ende September 82 erfasst worden – das Ergebnis: Diese ersten 82 Felder sind zusammen 600 Quadratkilometer groß, mehr verseuchte Fläche, als Afghanistan noch aus Sowjetzeiten blieb. Allein auf den ersten 60 Quadratkilometern Schießbahn fand das US-Militär mehr als 35 000 Blindgänger.

Im Auftrag der Amerikaner hat die US-Firma SDA eher zufällig auch ein Trainingsgelände der Deutschen überprüft: das Gelände „Wadi“ bei Kundus – im April 2014, sieben Monate, nachdem die Bundeswehr Kundus verlassen hatte. Das Ergebnis: Auf dem angeblich sorgfältig geräumten Schießplatz wurden fast 100 Blindgänger gefunden, allein an der Oberfläche. „Der Untergrund muss dringend von Blindgängern befreit werden“, heißt es in dem Bericht. Außerdem steht dort: Mehrere Afghanen wurden vor dem Abzug der Bundeswehr verletzt. Ein Mann verlor beide Hände, eine Frau ihr Bein unterhalb des Knies. Ein Bundeswehr-Sprecher sagt, von Unfällen auf der Schießbahn Wadi habe man keine Kenntnis – zu dem Gutachten äußert sich weder die Bundeswehr noch die Bundesregierung. In 13 Jahren habe es auf deutschen Schießbahnen nur einen einzigen Unfall gegeben.

General Reinhard Wolski hat Afghanistan im Juli verlassen. Sein Nachfolger hat angekündigt, die Nationen müssten ihre Trainingsgelände nun räumen. Die Daten zu den Gefechtsfeldern unterliegen weiter der Geheimhaltung.  Afghane, die das Land von Minen säubern wollen, werten derweil Zeitungsartikel über Gefechte aus, weil diese immer noch aussagekräftiger als das von der NATO gelieferte Material sind.

Mia saan mia

 

Nachdem wir nun das Maß unserer übergroßen Humanität vor Augen geführt bekommen haben, derjenigen unserer Soldaten und unserer Politiker, wenden wir unseren Blick auf das mediale Echo der letzten Rede Putins. Darin kommen einige eher rückständige Vokabeln von der 'heiligen Erde' vor, ein nationalkonservatives Weltbild, aber kein einziges Wort, das so krass inhuman wäre wie das eben gehörte. Und wieder sind sich alle einig, dass der Putin ein Hitler sei etc.  Die Rollen der Guten und Bösen werden ein für allemal verteilt, alle weiteren Wahrnehmungen durch diese Vorgabe gefiltert.  Was die grusligen Gestalten der neuen ukrainischen Regierung gesagt oder getan haben, wird ihnen nicht vorgerechnet; dem russischen Präsidenten wird jedes Wort feindselig ausgelegt. Äußerungen des eitlen und etwas verrückten Milizenführers 'Strelka' werden einfach 'Russland' zugeschrieben. Äußerungen eines deutschen Generals werden nicht beachtet oder, wenn sie doch Beachtung finden, einem individuellen Fehler zugeschrieben.  Merkel lehnt die Schwulenehe mit allen Rechten (Adoptionsrecht) nach wie vor ab: Sie ist halt konservativ. Unter Putins Regierung wurde ein Gesetz gegen 'Propagierung der Homosexualität bei Minderjährigen' verabschiedet: Der ist ein Faschist.  Keine kapitalistische Regierung macht sich anheischig, den so genannten Arbeitsmarkt zu reparieren/regulieren, der typische 'Frauenberufe' nach wie vor schlechter entlohnt. Kommunistische Regierungen, die diesen Missstand behoben haben, waren dennoch die Bösen.


Von Selbstgerechtigkeit zu sprechen, genügt nicht mehr. Man bräuchte  Begriffe aus der Psychopathologie, um derart verzerrte Selbst- und Fremdbilder zu verstehen.  Ich bitte kundige Leserinnen um eine Diagnose.

Montag, 10. November 2014

Der 9. November

Gestern wurde also gefeiert, gestern, am 9. November, und gleichzeitig ein bisschen der Reichspogromnacht gedacht.  Eine grinsende Moderatorin fragte einen ernsten Historiker kurz nach selbiger, der wurde noch ernster, dann ging die Feier weiter.

Nun ist der Fall einer Mauer ja allemal eine Feier wert. Aber wieso die Selbstbeweihräucherung? Die Bundesrepublik Deutschland ist seit dem Fall der Mauer nicht nur an mehreren Kriegen beteiligt gewesen, sondern pikanterweise auch an der Abschottung der EU-Außengrenze gegen Flüchtlinge. Von denen sind nach Schätzungen von 'pro asyl' seit dem Jahr 2000 über 23000 gestorben, die meisten davon im Mittelmeer. In einigen Fällen haben EU-Grenzschützer die Menschen, die verstarben, mit Gewalt von dem Zaun vertrieben, den sie überklettern wollten (Ceuta), so dass selbige versuchten, durch eine Bucht zu schwimmen und dabei ertranken.

Ach ja, vielleicht sind sie ihnen die Zahlen der Toten an der innerdeutschen Grenze  entgangen: Es waren weit unter Tausend.  Allein 2014 verstarben mehr Menschen beim Versuch, die Grenze zur EU zu überwinden. Geschossen wurde nicht, man überließ die Arbeit den Fischen und Krebsen.  Die Rechtfertigung klingt so: Wir haben die Flüchtlinge nicht dazu aufgefordert, sich aufs Meer zu wagen; üble Schlepper haben sie dazu gebracht.  Helle Aufregung dagegen über den Zynismus von noch lebenden Vertretern der DDR, die sagen, niemand habe die an der Mauer Erschossenen dazu gezwungen, zu versuchen, sie illegal zu überqueren.   Eine ähnliche Logik, nur dass sie im Fall der gegenwärtigen EU wesentlich mehr Opfer gefordert. Nichts davon wird in der großen Selbstbeweihräucherung des gestrigen Tages erwähnt. Biermann hackt selbstgefällig auf die Linkspartei ein; die nun eben nicht die SED ist. Der Vorwurf  an Linke-Politiker, die alt genug sind, in der DDR schon erwachsen gewesen zu sein,  besteht in Wahrheit darin, nicht vollends mit dem 'S' der SED gebrochen zu haben, während Biermann Leuten nichts vorwirft, die sich Karriere halber gut mit der DDR arrangiert hatten, wie Merkel, Gauck und Wanka, um in der BRD erneut wunderbar gewendet die Karriere fortzusetzen.  Biermann übersiedelte 1953 freiwillig in die DDR und wurde 1976 ausgebürgert. Diese Ausbürgungung - durch engstirnige Behörden - war die schlimmste Repressalie, die er persönlich in der DDR erfuhr, wo er ansonsten  studierte, Theater und Musik machte. (Dissidenz wurde üblicherweise dadurch bezahlt, nicht studieren zu können.) Seit er wieder in der BRD wohnt, wuchert er mit dem Kapital seiner DDR-Dissidenz.

Er hat sich inzwischen ex post in ein polares Weltbild eingeschossen, dessen Feind es nicht mehr gibt.  In der  BRD gibt er sich staatstragend, keine Spur von Dissidenz. Die oben erwähnten Zehntausende ertrunkener Flüchtlinge, für die -- ja, ja! -- auch unsere Regierung die Verantwortung trägt, kein Wort. Lieber sich im Glanze der längst gefallenen Mauer suhlen. Er ein "Drachentöter", die Linkspartei "Drachenbrut".  Wahrlich, ein  Riesenzwerg.  Die Linkspartei stellt immer wieder lehrreiche Anfragen an die Regierung, darunter auch eine Anfrage zur Zahl der toten Flüchtlinge.

Biermann bedauerte, dass die BRD nicht am letzten Irak-Krieg teilnahm, denn dann, so seine These, hätte Saddam Hussein vorher aufgegeben. Oder eben nicht, dann wären wir  halt dabei gewesen bei diesem großen Morden, das  einen disfunktionalen Staat produziert hat, um dessen Zerfallsprodukte bis auf weiteres Krieg geführt wird, und unzählige Flüchtlinge, von denen manche dann im Mittelmeer enden.  Der Krieg ist gewiss der größte Drache, der sich von Menschenblut nährt, und Biermann doch inzwischen eher selbst ein kleiner Drache.  Oberst Klein ließ in Afghanistan auf einen Schlag annähernd so viele Leute töten wie an der Berliner Mauer 1961-89 erschossen wurden.  Oberst Klein wurde inzwischen befördert.  Biermann umarmt Merkel, Biermann umarmt Gauck. Alles ist in bester Ordnung. Wir feiern.  Biermann besoffen von so viel Anerkennung, endlich angekommen in der Bejahung.


(Übergibt sich.)

Samstag, 30. August 2014

Eine Meldung ist keine Meldung

Was der ukrainische Präsident behauptete,  nämlich eine russische Invasion, wurde durch ein unscharfes Satellitenbild belegt. Viele Medien berichteten von einer Invasion, als hätte es nicht bloß jemand gesagt, der wie alle Beteiligten gelegentlich ein Interesse daran haben könnte, zu lügen. Immerhin hat derselbe Poroschenko anlässlich des russischen Hilfskonvois schon von einer Invasion gesprochen. Aber er ist einer von uns und darf noch lange lügen, bis es jemanden stört.  (Die Meldung versickerte dann schnell, da es nun einmal keine Invasion gegeben hat, nur irgendwelche Einmischung, die übrigens auf allen Seiten.)

Er darf übrigens auch noch lange morden lassen.  Ein Staatsoberhaupt oder Regierungschef kann wohl nicht gründlicher delegitimiert werden, als wenn er den Widerstand eigener Staatsbürger militärisch brechen lässt.   Zu recht wurde Janukowitsch der Einsatz von Gewalt gegen Proteste -- auch wenn im einzelnen noch nicht klar ist, wer alles in der Zeit des so genannten  "Euro-Maidan" geschossen hat --  vorgehalten. Um ukrainische Proteste gegen ukrainische Missstände handelte es sich tatsächlich, obwohl bekanntlich die USA mit Geld und logistischer Unterstützung ebenso daran beteiligt waren wie die BRD in Gestalt der Konrad-Adenauer-Stiftung.  Die Ukrainer hatten (und haben) ja auch allen Grund zum Protestieren, etwa gegen desolate wirtschaftliche Verhältnisse und Korruption auf allen Ebenen.

 Nun handelt es sich aber im Osten der Ukraine ebenfalls um Proteste von Ukrainern gegen ihre Regierung, wie immer es mit der Einmischung Russlands stehen mag , und diese Proteste werden  von der ukrainischen Regierung nicht etwa mit Verhandlungen sondern mit Waffengewalt angegangen. Die neue Regierung hat dabei inzwischen zwanzig mal so viele Morde auf dem Gewissen wie die alte. Und müsste damit von Rechts wegen inzwischen als noch viel illegitimer gelten als die alte je war -- zumal das, was die Ukrainer aller Couleurs gehofft hätten, eine Überwindung der korrupten Oligarchenherrschaft offenbar ausgeblieben ist.

Und noch immer klatscht die BRD, klatscht die NATO, klatschen die USA Beifall -- und viele einzelne Publizisten und öffentliche Personen mit ihnen.

Gestern stand in der Washington Post  -- in einem insgesamt keineswegs 'prorussischen' Artikel  --

In a response Friday, Russia’s Foreign Ministry again accused the United States of hypocrisy — this time for what it called U.S. disregard for civilians in eastern Ukraine.
“In any other conflict, whether in the Middle East, Africa or anywhere else, the West has consistently opposed actions causing harm to civilians,” the ministry said on its Web site. “It is only in relation to southeastern Ukraine that it holds a diametrically opposite line, in gross violation of international humanitarian law.”
Die Autoren des Artikels sind so fair, dieses Zitat stehen zu lassen, und mancher Leser wird nolens-volens nicken.  Im selben Artikel wird auch die Einschätzung des stellvertretenden Generalsekräters für Menschenrechtsfragen der Vereinten Nationen Simonovic:
A total of 2,593 people, including civilians, have been killed in the fighting in eastern Ukraine since mid-April, a senior U.N. human rights official said Friday.
“The trend is clear and alarming,” Ivan Simonovic, U.N. assistant secretary general for human rights, told journalists in Kiev. “There is a significant increase in the death toll in the east.”
Simonovic said the number would be close to 3,000 if the 298 victims of downed Malaysia Airlines Flight 17 were counted. Civilian casualties would continue to rise “as each side increases its strength, through mobilization, better organization, or the deployment of new fighters and more sophisticated weapons and support from outside,” he said.
Simonovic had sharp words for both sides.
“Armed groups continue to commit abductions, physical and psychological torture,” he said of the separatists, whose tactics he said were aimed at terrorizing the population under their control. But he added that the United Nations has also heard “disturbing reports of violations committed by battalions under government control.”
Russia’s Foreign Ministry criticized the U.N. official as repeating “fabrications against the militia forces of Donetsk and Luhansk” but commended him for addressing “the criminal actions of the Ukrainian army” — although the ministry maintained that his report did not go far enough.
“The mission was forced to admit the obvious,” Foreign Ministry spokesman Alexander Lukashevich said.
Auch hier könnte die Leserin stutzen über den 'Burgfrieden', den die USA und ihr Pudel, die EU, mit der ukrainischen Regierung geschlossen haben. Und auch hier muss man der Washington Post danken, dass sie es ihren Lesern zumindest ermöglicht, sich ein Urteil zu bilden, das sich von der redaktionellen Leitlinie unterscheidet.

Über den Fall des Grünen Fücks  war hier schon einmal die Rede, nun hat der jungeWelt-Autor Reinhard Lauterbach sich Fücks gewidmet, und sehr schön freigelegt, wie dieser zweierlei Maß auf einerlei Gegenstände anwendet und vor allem eines: parteiisch ist.

Die Dichte und Unaufrichtigkeit der Propaganda gleicht dem oder übersteigt das, was man von Diktaturen gewohnt ist. Hier aber gibt es keinen Masterplan, nur Akteure, die Einfluss ausüben und andere Akteure, die sich aus Opportunismus selbst gleichschalten. Denn derselbe Wunsch, der Menschen in Neukölln dazu treibt, sich den Bart so oder so nach der Mode zu stutzen, um als Individuum anerkannt zu werden, treibt allenthalben Politiker und Journalisten, aber auch Künstler und Schriftsteller dazu, noch einen Anti-Putin-Satz draufzusetzen.  Hübsch an diesem Opportunismus ist der Geruch der Widerständigkeit, der ja für eine Weile auch der jeweils neuesten Barttracht anhaftet, vom in selbiger zurückbleibenden Geruch nach Rührei mit Schnittlauch einmal abgesehen.

Während Bärte aber unschuldig sind, ist das opportunistische Schönreden der ukrainischen Regierung  tödlich, jeden Tag. Die russische Regierung hat der Ukraine und den Aufständischen einen sofortigen Waffenstillstand vorgeschlagen, den die ukrainische Regierung alsbald abgelehnt hat.
  
Wer ist der Böse? Der Russ, na klar.  Der Geschichtsrevisionismus, der unter der Überschrift "Totalitarismustheorie" half, die deutschen Verbrechen durch die sowjetischen zu relativieren, spielt unterirdisch mit:  "Ist nicht Russland noch viel näher am Stalinismus als wir am Nationalsozialismus?". Einer der Fücks'schen Sätze, die Lauterbach zitiert, ist zu schön dumm, um ihn hier auszulassen:

Fücks mahnt in der FAZ vom 23. August dazu sich, auch wenn es teuer und gefährlich ist, an die Seite der Ukraine zu stellen durch Sanktionen, etc. Das sei eine besondere Verpflichtung der Deutschen da -- taramatatam : --

die Ukraine unter der deutschen Besatzung gelitten (hat), wie kaum ein anderes Land.

... abgesehen von, da war doch was, Russland!  von den über zwanzig Millionen Sowjetbürgern, die Deutschland ermordet hat, waren die meisten Russen. Und der von großen Teilen der neuen ukrainischen Regierung verehrte Bandera wurde zwar vorübergehend von den Nazis gefangengehalten, dann aber wieder von diesen zum Kampf gegen die Sowjetunion freigelassen. Bandera hat auch große Verbrechen an Polen und Juden mit zu verantworten. Dass er unbestreitbar vor allem von ukrainischem Nationalismus getrieben war, soll dies alles legitimieren?  Das mindeste wäre also doch wohl, einen Schulterschluss mit der Ukraine 1. vom Ende der Kampfhandlungen, 2. von einer Abwendung von nationalistischen, revisionistischen oder gar faschistischen Parolen abhängig zu machen.   I wo.  Fücks  nennt das "Kreml-Propaganda", man kann's aber großenteils auf den Webseiten dieser Parteien nachlesen; nicht nur des rechten Sektors.  Wenn der Russe darauf hinweist, muss es falsch sein?   Monsieur Fücks: So gut wie jede Quelle in einem Konflikt ist 'Propagande', das entscheidet aber doch nicht über deren Wahrheit oder Unwahrheit.  So töricht können Sie trotz Ihrer maoistischen Vergangenheit kaum sein, ein Argumentum ad hominem für etwas anderes als einen rhetorischen Trick zu halten.  Anders gesagt: Da es mir nicht möglich ist, Sie für so dumm zu halten, bleibt mir nur, ihnen mauvaise foi zu unterstellen.


Wenn dereinst wie alle Sterblichen der Fücks
den letzten Blick getan und er den Styx
gequert, vielleicht ja werden ihn die Schatten plagen
derer, die in Donezks Trümmern lagen.


Was tun?  Völlig ratlos über so viel Propaganda, Einseitigkeit, Verblödung, die sich für freiheitlich, demokratisch und wahrhaftig hält, will ich eigentlich nur noch Kaffee und Zitronenwasser trinken, irgendwo, nur nicht hier.