Emil Julius Gumbel

Der Heidelberger Mathematiker Emil Julius Gumbel veröffentlichte 1924 die Schrift "Vier Jahre politischer Mord", in der nachgewiesen wurde, dass weitaus mehr Linke von Rechten ermordet wurden als umgekehrt, dass aber die Linken zu weitaus höheren Strafen verurteilt wurden als die Rechten: Die deutsche Justiz hatte zweierlei Maß. Gumbels Schrift änderte daran leider nichts, ihm selbst wurde schließlich auf Betreiben nationalsozialistischer Studenten die Lehrerlaubnis entzogen, er ging ins Exil. Dennoch ist der Nachweis von Ungerechtigkeit kein bloßer Kommentar zur Geschichte, sondern kann hin und wieder etwas ändern, und wäre es nur, weil ein Ungerechter ungern als solcher dasteht.

Freitag, 18. April 2014

Was bedeutet eigentlich 'deeskalieren' ?

Wer darauf hinweist, dass beim Sturz der Regierung in Kiew Nationalisten an die Macht gekommen sind, von denen nicht wenige sich ihre Sporen mit antirussischen Reden verdient haben, und von denen einige (Swoboda) auch nachweislich rassistische, insbesondere auch antisemitische Reden gehalten haben, wird dafür in unseren Medien regelmäßig kritisiert, denn so gehe man der russischen Propaganda auf den Leim, was im Stil besten Schmierenjournalismus personalisiert wird: Putin auf den Leim.  Von der Rolle des 'rechten Sektors' beim 'Euromaidan' zu sprechen, ist ebenso unfein, und irgendwie verbietet es sich auch, zu lesen, was für unappetitliches Zeug auf den Internetseiten dieser Organisation steht. Wenn die Bürger der Ukraine, die russische Muttersprachler sind und auch sonst mit Russland verbunden, von dieser Regierung nichts Gutes erwarten, muss natürlich, na?, klar: 'Putin' dahinter stehen.   Dass die verschiedenen ehemaligen Oppositions- und jetzt Regierungsgruppen vom Westen aufgepäppelt wurden, ist kein Geheimnis, vieles ist nicht nur durch abgehörte Telefongespräche bekannt. Die US-Regierung hat sich ihrer finanziellen Unterstützung für die ehemalige Opposition gerühmt, die Open Society Foundation, die Konrad-Adenauer-Stiftung und andere haben sich um die eine oder den anderen gekümmert.  Es wäre sicher eine primitive Verkürzung, zu sagen, hinter den Ereignissen in Kiew stehe 'Obama' o. ä.;  keiner schämt sich aber des ewigen 'Putin', der hinter allem stehe, was uns nicht passt.

Wer durch die Ukraine gereist ist, wundert sich  nicht wirklich, dass in der Ostukraine Proteste gegen eine antirussische Regierung aufkommen, ohne dass dabei Russland Regie führen müsste. Dahinter kann aber nur 'Putin' stehen.

Wenn in Genf eine Vereinbarung getroffen wird, derzufolge alle paramilitärischen Verbände entwaffnet werden sollen, so steht einen Tag später in allen Zeitungen, Russland habe seinen Teil der Vereinbarung gebrochen, weil es seine Leute nicht zurückgepfiffen habe -- ohne auch nur zu erwägen, dass nicht zurückpfeifen kann, wer nicht herbeigefpiffen hat.  Gleichzeitig schickt die Regierung die Armee nach Osten, von der Entwaffnung antirussischer Milizen ist weiter nicht die Rede.

Als die OSZE-Beobachtermission beschlossen wurde, musste Russland ertrotzen, dass auch in der Westukraine beobachtet wird, denn die westlichen Verhandlungspartner wollten natürlich vor allem die russischen Machenschaften im östlichen Landesteil beobachtet wissen. Der Westen könnte durch eine vollumfängliche Ablehnung von Nationalismus und Antirussischem in der neuen Regierung bei gleichzeitiger Ablehnung russischer Einmischung deeskalieren, das will er aber gar nicht. Es ist gar zu schön, auf den Sündenbock eindreschen zu können. Die russische Regierung weiß, dass kalter Krieg herrscht, und verhält sich spiegelbildlich. Es ist realitätsfern zu behaupten, sie habe damit angefangen. Behauptet wird's doch. Russland (und andere) wurde mit der Resolution zum Libyen-Krieg übertölpelt.  Alles steht im Zeichen der Unipolarität. Sind auch Libyen, der Irak, Kosovo zerrüttete Staaten, wir haben eben doch immer recht gegen den "Iwan". Passenderweise hat die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung vor einigen Wochen auch ein altes Plakat aus der Adenauer-Zeit aus der Mottenkiste geholt, auf dem ein fies blickender Russe über den Rand lugt.  Die Zeichner hatten ihr Handwerk sichtlich vor dem Kriege gelernt.

Der "steindumme" Grüne Werner Schulz sagte:
Nur eine Gegenstimme gab es in der Duma zur Annexion der Krim. Das ist wie 1914, als Karl Liebknecht der einzige war, der gegen die Kriegskredite des Kaisers gestimmt hat.

Ja, da kann moch doch eigentlich nur einen Burgfrieden halten und: Jeder Schuss ein Russ, jeder Tritt ein Brit, Serbien muss sterbien?

Fährt man von Berlin zur Oder, kommt man an vielen sowjetischen Soldatenfriedhöfen vorbei. Heute besuchte ich einen Freund in Beeskow, dort liegen etwa Hundert tote Sowjetbürger, die meisten 20, 21, 22 Jahre alt. Auf dem Weg von der Oder bis nach Berlin mussten noch etwa 100000 Soldaten der roten Armee ihr Leben lassen.  Insgesamt sind bekanntlich ca . 25 Millionen Sowjetbürgen vom nationalsozialistischen Deutschland ermordet worden.  Die Sowjetunion hat durch ihre Opfer ihre Existenz gerettet - ein Ziel Hitlers war die Versklavung der 'slawischen Untermenschen' - und mehr als die anderen Allierten zur Niederlage des Dritten Reichs beigetragen.  Wenn nun in Berlin Ehrenfriedhöfe an diese unbeschreiblichen Opfer der angegriffenen, sich bloß verteidigenden Sowjetunion erinnern, und die Bildzeitung beim gerade üblichen 'Putin'-Bashing diese Denkmäler und zwei T34-Panzer moniert, die an einem Ehrenmal stehen, so ist das geschichtsvergessen, ja revisionistisch und mies. Es gibt vielleicht keinen Unterschied zwischen den Toten, es sollte aber einen Unterschied zwischen Denkmälern und Friedhöfen für Angreifer und Angegriffene geben.   Quelle honte! Gegen die Russen darf man, greifen Sie zu.

Es ist wirklich eine Hetze, wenige andere Stimmen kommen zwar zu Wort (Gabriele Krone-Schmalz, Eppler), gehen aber im allgemeinen Gebrüll unter. Eine ähnlich richtig bombige Stimmung herrschte zu Beginn des ersten Weltkriegs. Dieselbe Einseitigkeit und moralische Überheblichkeit bei gleichzeiten ernsten Bedenken für die Wirtschaft und den Fremdenverkehr. Wäre nicht Russland  noch eine hochgerüstete Militärmacht -- es müsste sich fürchten, vor uns, ja vor uns. Eskaliert wird in diesem Konflikt auf jeden Fall vom Westen, was immer auch von russischer Seite geschieht.   Nun ist aber die Heimatfront noch nicht ganz geschlossen, ja viel mehr einfache Bürger als Journalisten und Politiker sehen hier einseitige Propaganda am Werk. Ulrich Greiner von der Zeit beschwert sich daher über das Volk. Es ist aber wirklich zu ärgerlich.

Als Pazifist muss ich mich sehr über mich wundern: Ich möchte mir T-Shirts mit dem T34 anfertigen, die den Sieg der roten Armee über die Nazis feiern. Russland bekommt von Staaten, die nun mehrfach das Völkerrecht gebrochen haben, Völkerrechtsnihilismus und Imperialismus vorgeworfen. Wer aber in den letzten beiden Dekaden unentwegt auf dem Vormarsch war, auch doktrinär, war die NATO, nicht Russland.  Wenn kümmert's. Mia saan mia. Und klar, wer in Kultur macht, Historiker, Schriftsteller oder Philosoph ist, bläst fein mit ins Horn, wenn auch mit meist erlesenerem Vokabular. Selbiges hat ja Karl Kraus in Weltgericht vorzüglich dokumentiert.  Die Dichter sagen das, was die Politiker sagen, mitunter noch plumper, mitunter um einige Nuancen reicher.  Nun müsste sie ja, qua Dichter, gar nichts dazu sagen, und wenn sie was sagten, könnte es was eigenes sein, aber dazu müssten's halt, gell, was eigenes haben. Kaum einer, der spricht, wird dafür bezahlt, aber es hagelt schrecklich viel Anerkennung, und das ist ja nun eine recht harte Währung für weiches Geschäft.


Kerry wurde ein anscheinend gefälschtes Dokument über den Anführer der Pro-Russischen Proteste in Donezk zugespielt, das diesen als Antisemiten anschwärzt. Er hat es prompt verlesen, so etwas muss ja wahr sein. Die über Jahre belegten antisemitischen Äußerungen von Swoboda-Mitgliedern spielen dagegen keine Rolle.  Bei den einen reicht der Verdacht (übrigens auch: 'Massaker von Hula', 'Massaker von Racak', 'Hufeisenplan','Weapons of Mass Destruction', weinende Kuwaitische Mutter, die gar nicht in Kuwait war,...), beim anderen kann man den unwiderlegbaren Beweis -- ignorieren.

Für die Welt entsteht daraus nicht Gutes. Die Botschaft ist, dass Fairness ohnehin nicht zu erwarten ist, demgemäß allein Macht zählt. Bauen die Amerikaner einen Raketenschutzschirm, brauchen die anderen auch einen. Die Summen, die die Welt für Rüstung ausgibt werden bis auf weiteres den Gesamtetat ganz Afrikas übersteigen, und wer dagegen appelliert, muss sich als Phantast beschimpfen lassen, teilweise zu recht.  Der Friedensnobelpreis wurde an einen Präsidenten vergeben, der sich seitdem nicht nur mit Drohnenangriffen, sondern auch mit Beteiligung an Kriegen, Anheizung von Konflikten, Nichtauflösung des Guantanamo-Gefängnisses, etc. dieses Preises unwürdig gezeigt hat. Wer ist der Böse? Die richtige Antwort lautet wie immer: Putin. 

Ja, wollen Sie denn sagen, Putin sei der Gute? Ach wo; aber in den gegenwärtigen Geschehnissen ist Russland mehr getrieben als Akteur. Und wenn Sie das nicht sehen, lassen Sie sich doch bitte ausstopfen.

Vergißt man schon [...], daß die Entente die Mörder des Erzherzogs Franz Ferdinand schützt? Wie kurz ist das Gedächtnis der Welt! Als ich heute den Obersthofmeister meines verewigten Freundes, Baron Rumerskirch, sah, seit jenen Konopischter Frühlingstagen zum ersten Mal, da kam es mir wieder ganz stark zu Bewusstsein: Über unseren Feinden liegt doch von Anfang an der Schatten des Verbrechens! [Wilhelm II, zitiert aus: Karl Kraus, Weltgericht.] 

Und deswegen sind auch die, die mit den "von uns" an die syrische Opposition gelieferten Waffen Getöten nicht so tot wie die von der syrischen Regierung mit "russischen Waffen" Getöten.  Der Schatten des Verbrechens!  Wenn man so richtig gut ist, kann  man gar nicht bös werden, was man auch tut. Und vice versa natürlich.  Gebt mir mein Emetikum, schnell!

1 Kommentar:

Anonym hat gesagt…

Inzwischen ist das unfaßbar.
Nach diversen Hetzsendungen höre ich mir den Deutschlandfunk, (dort ist beileibe nicht nur Sabine Adler extrem einseitig) nicht mehr an. Wie viele Interviews von Rebecca Harms, Werner Schulz oder Marieluise Beck ich angehört habe, derbe Verzerrungen, Auslassungen und eine Propaganda, die mir in dieser schwarz-weiß-Form unmöglich schien in "unabhängigen" öffentlich-rechtlichen Medien. Ausnahmen werden sofort "ironisiert", wie man zu sagen geruht..

Werden die Medien zu Waffen, müßte man Masochist sein, brav weiterzuhören.

Ich fand den GEZ-Boykott von meist unpolitischen Studierenden (Zwang; zu teuer) wirr. Er schien mit den Sendern nichts zu tun zu haben. Inzwischen würde ich einen politisch motivierten GEZ-Boykott von Sendern, die Privatsendern in nichts nachstehen, was Propaganda angeht, unterstützen.

Weniger absurd einseitige Medien wären ja dringend nötig, ohne Medien wäre nichts besser. Und es könnte Zeiten geben, in denen die JournalistInnen nicht so versagen würden wie seit langem gar nicht wenige in ARD, ZDF, Phoenix, Deutschlandfunk oder dem Deutschlandradio Kultur.
Dort übrigens, berichtete die Junge Welt, schäumte schon jemand, als im April nur ein - Monate vorher geplantes - Konzert von Rachmaninows 3. Konzert aus Heidelberg übertragen wurde.... Und noch mit einem russischen Pianisten!
Ja Gauck bewahre! Der Russ! "In diesen Zeiten" (Zitat)!
Rachmaninow war zwar 1918 aus seiner Heimat geflüchtet und lebte seither in den USA und in der Schweiz, bis er 1943 starb - aber sowas wäre sicher zuviel Information, dachte sich jemand im Sender.
Was will man im DLR Kultur? Ab jetzt nur noch Pfitzner übertragen, oder mal ein Geplärr gegen Thomas Mann, dem solches Niveau kräkmedel^^, (schwedisch für Brechmittel^^) war?

Ich glaube ja, die öff-rechtl. Journalisten sind wie die Kolleginnen von taz bis Bild der Meinung, Thomas Mann und Hermann Hesse, Karl Kraus oder Bertha von Suttner, Bertrand Russell oder Doris Lessing wären ganz ihrer Meinung. Welche Selbstgerechtigkeit.

Vielleicht ist es besser, diese Medien kaum zu beachten und viele gute politische AutorInnen zu lesen, die nicht so armselig wie manche heutige SchriftstellerInnen reden. Was etwa die "Friedenspreisträgerin" von 2013, Swetlana Alexijewitsch, dies Jahr in der FAZ schrieb, (immerhin fanden es die allermeisten, die kommentierten, schauderhaft) ist wirklich unglaublich. Dagegen brachte Herr Schirrmacher am 28.3. einen sehr guten FAZ-Beitrag: "Dr. Seltsam ist heute online", gegen die einseitige Putin-Manie des ZDF.
Wie man in Bochum und andernorts sagt - "Die Hoffnung stirbt zuletzt". Man darf sich nicht daran stören, daß alle Redensarten "ironisiert" werden. Manche stimmen.