Emil Julius Gumbel

Der Heidelberger Mathematiker Emil Julius Gumbel veröffentlichte 1924 die Schrift "Vier Jahre politischer Mord", in der nachgewiesen wurde, dass weitaus mehr Linke von Rechten ermordet wurden als umgekehrt, dass aber die Linken zu weitaus höheren Strafen verurteilt wurden als die Rechten: Die deutsche Justiz hatte zweierlei Maß. Gumbels Schrift änderte daran leider nichts, ihm selbst wurde schließlich auf Betreiben nationalsozialistischer Studenten die Lehrerlaubnis entzogen, er ging ins Exil. Dennoch ist der Nachweis von Ungerechtigkeit kein bloßer Kommentar zur Geschichte, sondern kann hin und wieder etwas ändern, und wäre es nur, weil ein Ungerechter ungern als solcher dasteht.
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Samstag, 5. März 2011

And now for something completely different...

Aber dass ein Bayer nach Berlin gehört, ist eine Tatsache, die sich auch aus der Historie nirgends belegen lässt. Weder ethnisch noch religiös gehört der Bayer nach Berlin, ins protestantisch geprägte Preußen.


Der neue Bundesinnenminister Hans-Peter Friedrich hat bei seinem ersten öffentlichen Auftritt seine frühere Reaktion auf Wulffs Rede bekräftigt. "Aber dass der Islam zu Deutschland gehört, ist eine Tatsache, die sich auch aus der Historie nirgends belegen lässt." (Quelle: FAZ) Worin, kann man fragen, würde denn ein historischer Beleg dafür bestehen? Die Tatsache, dass Millionen von Muslimen seit zwei Generationen hier leben, genügt ihm anscheinend nicht. Beglaubigt wird Zugehörigkeit anscheinend nur durch Urgeschichte. In Friedrichs Äußerungen zeigt sich der rückständige Ungeist, der die BRD so lange an der lex sanguinis festhalten ließ.

Einige von Friedrichs früheren Äußerungen zu diesem Thema lauten "Dass der Islam Teil unserer Kultur ist, unterschreibe ich nicht.“ Friedrich sagte auch: „Um das klar zu sagen: Die Leitkultur in Deutschland ist die christlich-jüdisch-abendländische Kultur. Sie ist nicht die islamische und wird es auch nicht in Zukunft sein." Nun hat sich der Zentralrat der Juden in Deutschland kürzlich mit guten Gründen gegen diese Vereinnahmung gewehrt. Die meiste Zeit wurden die Juden Europas bekanntlich diskriminiert und verfolgt. In den Antisemitismus flossen ganz verschiedene Elemente ein, darunter auch das 'historische' Argument, sie seien auch nach Jahrhunderten 'orientalische Fremde'. Friedrichs Unsinn hat in einem liberalen, säkularen Rechtsstaat nichts zu suchen. Die Justizministerin Leutheusser-Schnarrenberger hat das erfreulicherweise richtig gestellt. Der neue Innenminister gibt schon bei Amtsantritt einen Ton vor, der ihn für dieses Amt disqualifiziert, auch wenn die Klientel, die Sarrazin, Kelek et al. beklatscht, ihm zustimmen mag. Es handelt sich aber gar nicht um eine Meinung, sondern um Unsinn, der im Widerspruch zum umfassenden Anspruch der Verfassung steht. (Dennoch wird er wohl kaum vom Verfassungsschutz beobachtet werden.)

An dieser Stelle sei auf Patrick Bahners' Buch "Panikmacher" und die von Hilal Sezgin herausgegebene Aufsatzsammlung "Deutschland erfindet sich neu. Manifest der vielen." hingewiesen- Beide Bücher rücken die hässlichen Debatten "über" "den" "Islam" zurecht. Bahners analysiert den ressentimentgeladenen Diskurs, während in der Aufsatzsammlung MitbürgerInnen zu Wort kommen, die das eine gemeinsam haben, in der Debatte zum 'Objekt Moslem' erklärt zu werden. (Der als Antwort auf Sarrazins Buch gedachte etwas abgeschmackte Titel sollte niemanden abschrecken.) Es ist zu wünschen, dass sich diese Bücher ähnlich gut verkaufen wie Sarrazins Machwerk. Wer das Ressentiment bedient, hat aber allemal eine höhere Auflage als wer dagegen angeht. (Wie ja auch die, es sei immer wieder gesagt, schmierige und unwürdige Bild-Zeitung eine höhere Auflage hat als alle anderen überregionalen Tageszeitungen zusammen.)