Emil Julius Gumbel

Der Heidelberger Mathematiker Emil Julius Gumbel veröffentlichte 1924 die Schrift "Vier Jahre politischer Mord", in der nachgewiesen wurde, dass weitaus mehr Linke von Rechten ermordet wurden als umgekehrt, dass aber die Linken zu weitaus höheren Strafen verurteilt wurden als die Rechten: Die deutsche Justiz hatte zweierlei Maß. Gumbels Schrift änderte daran leider nichts, ihm selbst wurde schließlich auf Betreiben nationalsozialistischer Studenten die Lehrerlaubnis entzogen, er ging ins Exil. Dennoch ist der Nachweis von Ungerechtigkeit kein bloßer Kommentar zur Geschichte, sondern kann hin und wieder etwas ändern, und wäre es nur, weil ein Ungerechter ungern als solcher dasteht.

Freitag, 26. Juni 2015

Die Institutionen als Schulhofschläger

Wer erinnert sich nicht an diejenigen, die über eine Ecke des Schulhofs herrschten und zur Aufrechterhaltung ihrer Autorität von Zeit zu Zeit jemanden verprügeln mussten. Die Institutionen, d.h. die Regierungen Deutschlands und Frankreichs, der IWF und die Europäische Zentralbank haben in ihren Verhandlungen mit der griechischen Regierung nie einen Kompromiss gewollt, sondern immer ihre Forderungen (Privatisierungen, Senkung der Staatsausgaben, Erhöhung des Rentenalters, Erhöhung der Mehrwertsteuer) wiederholt und auf jeden Kompromissvorschlag seitens Griechenland gesagt, es "sei nicht genug." Die Löhne, die seit Beginn der 'Krise' in Griechenland um 40 Prozent und damit häufig auf oder unter das Niveau vor Beginn des Euro-Booms gesunken sind, könnten ein Argument dafür sein, gerade die Mehrwertsteuer nicht zu erhöhen, sondern beispielsweise Unternehmenssteuer und Vermögenssteuer. Im letzten Angebot Griechenlands steht eine Erhöhung der Unternehmenssteuer, die aber von "den Institutionen" rot angestrichen wurde, weil Sie die Konjunktur behindere. Die Erhöhung des Renteneintrittsalters in einem Land mit so hoher Arbeitslosigkeit heißt wiederum nur eine massive Senkung der Renten. Es stellt sich die Frage: Was verstehen "die Institutionen" von Konjunktur? Darauf lässt sich eine präzise Antwort geben. In einem ansonsten neutral gehaltenen Artikel in der FAZ wurde auf eine Stellungnahme des Nobelpreisträgers Paul Krugman verwiesen. Das sei ausdrücklich honoriert, da die FAZ ansonsten ja "auf Kurs" ist. Krugman beginnt seinen Beitrag mit der folgenden Graphik:
Demnach versteht zumindest der IWF nicht viel von Konjunktur. Und Schäuble, der nicht müde wird, die Erfolge des Austeritätsprogramms in Griechenland, aber auch in Portugal und Spanien zu loben, auch nicht. Viel zu häufig wird vergessen, dass Schäuble ein Parteisoldat ist, der als Generalsekretär, als Innenminister und als Finanzminister gedient hat. Er ist vermutlich fleißig, aber alles andere als ein Gelehrter und alles andere als fähig, sich von einmal aufgestellten Dogmen zu lösen. Dennoch schaffen es die deutschen Medien, ihn gut und Varoufakis schlecht aussehen zu lassen. Nun ja, vielleicht wartet ja die jenseitige Hölle auf sie. Im Diesseits packen die qualifizierten Griechen seit geraumer Zeit ihre Sachen und emigrieren, die dagebliebenen haben Syriza gewählt, um den Leiden ein Ende zu machen. Tsipras und Varoufakis haben immer wieder erklärt, dass ein solcher demokratischer Beschluss ein Gewicht hat, das nicht einfach durch Schuldendienst ausgehebelt werden kann, wollte man sich nicht offen gegen das Demokratieprinzip stellen. Das will man aber offenbar. Krugman schließt so:
Talk to IMF people and they will go on about the impossibility of dealing with Syriza, their annoyance at the grandstanding, and so on. But we’re not in high school here. And right now it’s the creditors, much more than the Greeks, who keep moving the goalposts. So what is happening? Is the goal to break Syriza? Is it to force Greece into a presumably disastrous default, to encourage the others? At this point it’s time to stop talking about “Graccident”; if Grexit happens it will be because the creditors, or at least the IMF, wanted it to happen.
Die Instititutionen und mittendrin die deutsche Regierung wollen offenbar Syriza fertigmachen. Die Schulhofschläger müssten sonst fürchten, dass auch Portugal und Spanien die Autorität ihrer Schulhofseckenherrschaft brechen. So sieht weder europäische Solidarität noch Demokratie aus. Es ist eine Schande, die auf ewig an den Merkel, Schäuble, Hollande, Lagarde, Dijsselbloem hängen sollte. Un jour nous allons crâcher sur vos tombes. Und dass Griechenland unbezahlte Kriegsschulden bei Griechenland hat, wovor sich auch oberste Moralisten wie Gauck schön drücken, machte die Schande für den deutschen Part noch größer. Vermutlich werden die meisten der besagten Personen hochbetagt und hochgeehrt sterben; vielleicht aber auch werden irgendwann, wenn die Politik nicht länger den Interessen des Investmentkapitals dienen wird, Studien allgemeine Verbreitung finden, die klar zeigen, wie lange die herrschten und Staaten entmündigten im Namen des Wachstums, die nicht einmal eine einigermaßen verlässliche Wachstumsprognose für drei Jahre abgeben konnten; Schufte und Scharlatane, von Toren immer wieder gewählt.

Montag, 9. März 2015

Sankt Boris - der mortuis vivisque nil nisi veritatem

Auf den Seiten der "Propagandaschau" wurde analysiert, was sich gestern bei Günther Jauch abgespielt hat. Ich habe mir das Ganze - auf Rücksicht auf mein Herz und meine Verdauung - nicht angesehen, habe dann aber das Presseecho auf die Sendung überflogen.   Lauter Vorverurteilungen, "der Putin hat den Nemzow auf dem Gewissen", egal wer letzteren aus welchen Gründen umgebracht hat. Wer's anders sieht (Platzeck), wird ad hominem abgewatscht. 

Nun ist bei Debatten über rechtliche, politische, wirtschaftliche Fragen eigentlich von ad hominem-Argumenten abzusehen. Ob die Erhöhung des Diskontsatzes die Exporte stärkt oder schwächt, hängt nun einmal nicht vom Charakter der obersten Bankiers ab. Und ebensowenig kann eine Putin-Dämonologie darüber Aufschluss geben, wer Nemzow ermordet hat.  

Dass in der postsowjetischen Gesellschaft zu viel Gewalt, zu viel Korruption, zu viel Rechtsbeugung zu beobachten ist, bezweifle ich nicht. Nur waren an dieser Verlotterung Jelzin und sein damaliger Famulus Nemzow mehr als Putin beteiligt.  Nemzow hat sich im selben Oligarchen-Sumpf bewegt wie die übrigen. Ultraliberale Wirschaftsansichten machen ihn nicht zum Demokraten. Die von ihm mitgegründete Partei 'Union rechter Kräfte' (aus der er kurz vor deren Auflösung 2008 ausgetreten ist) erreichte bei der Wahl zur Staatsduma 2007 weniger als 1 Prozent. (So sähe demnach der (Jauch) 'bedeutendste Oppositionelle' aus.  Nun hat in der BRD etwa die MLPD einen größeren Stimmenanteil, aber zugegebenermaßen  hatte Nemzow vor über zehn Jahren viel Zuspruch, der sich durch die Misere Russlands, an der er und die seinigen mitschuldig waren, verlor.)  Die 'Union rechter Kräfte' wurde unter anderem von Khodorkovsky finanziert, der nun eine  weitere Gallionsfigur dessen ist, was viele westliche Medien als 'die Opposition' beschreiben, der aber doch ganz offensichtlich einer der Diebe waren, die es in wenigen Jahren zum Multimilliardär brachten und die damit die Oligarchie an Stelle einer doch möglichen Demokratie setzten.   So weit spricht nichts für Sankt Boris, aber auch nichts für eine Verteufelung.  Im Grau-in-grau der russischen Wirklichkeit ließe sich aufdröseln, was an den einzelnen Gestalten Gutes oder Schlechtes ist bzw. war; wenn man es denn wollte.

Ad hominem-Attacken gehen aber gerne so:

Fünf Tatverdächtige im Fall Nemzow wurden jetzt verhaftet, einer davon beruft sich mantramäßig auf den Propheten. Schnell ist der russische Journalist Kondratiev bei der These, dass Nemzows Äußerungen zu den „Charlie Hebdo“-Hinrichtungen ihn in Lebensgefahr brachten. Allah ist groß, der böse Moslem schnell da. Vergiss Putin und seinen mächtigen Oberkörper – das meinte er wohl.
 (Focus, 9.3.2015)

Fein! Da hat man gleichzeitig den Kondratiev abgewatscht und nochmal auf das 'Putin-der-Macho'-Bild angespielt. Nun muss sich Putin, wenn er sich mit nacktem Oberkörper auf dem Pferd ablichten lässt, gefallen lassen, dass man daran erinnert.  Ebenso darf man aber daran erinnern, dass Nemzow in seiner Autobiographie "Beichte eines Rebellen" sich ebenfalls als Macho, nur anders portraitiert, wenn er von einem Abspeck-Aufenthalt in einer süddeutschen Klinik berichtet, den er mit einem Freund unternahm.


Мы приехали в клинику с одним известным бизнесменом и двумя девушками.Первый вопрос немецкого доктора:– Цель поездки?– Мы будем худеть, – ответил я.– Похвально, – сказал он. – А зачем девушек взяли? Я сначала не понял глубины вопроса и говорю:– Так ведь скучно одним-то.– Это грубая ошибка, – сказал доктор. – Девушки тоже хотят худеть?На что девушки хором закричали:– Нет, что вы, у нас все нормально.
Wir kamen mit einem wichtigen Geschäftsmann und zwei Mädchen in die Klinik. Die erste Frage des deutschen Arztes: "Was ist der Zweck Ihres Aufenthalts?" "Wir werden abnehmen", antwortete ich. "Das lobe ich", sagte er, "Aber warum habt ihr die Mädchen mitgebracht?" Anfangs habe ich die tiefere Bedeutung der Frage nicht verstanden und sagte: "Falls jemandem langweilig wird. " "Das ist ein großer Fehler", sagte der Doktor. "Wollen die Mädchen auch abspecken?". Worauf die Mädchen laut aufschrieen "Nein, nur ihr, bei uns ist alles normal." (Übersetzung von mir und möglicherweise schlecht; Korrekturen willkommen.)

Die Mädchen seien so 'sadistisch' gewesen, fein essen zu gehen, während er und der Freund ja Diät machen mussten. Nach ein paar Tagen hatten sie gar keine Lust mehr auf die Mädchen.
По ведение людей определяют два базовых инстинкта: инстинкт самосохранения, который упреждает людей от движения по встречной полосе и прыгания с десятого этажа, и инстинкт продолжения рода. Мне когда-то казалось, что инстинкт продолжения рода сильнее, чем инстинкт самосохранения. Это ошибка. В немецкой клинике нам доказал и, что отсутствие еды приводит к тому, что второй инстинкт исчезает. Кстати, милы й доктор рассказывал, что когда голодают женщины, то у них возникают прямо проти воположные ощущения. Голодные женщины очень хотят секса.
Das menschliche Verhalten wird von zwei Grundtrieben gesteuert: dem Selbsterhaltungstrieb, der die Leute davon abhält, auf der falschen Seite zu fahren oder aus dem zehnten Stock zu springen, und dem Fortpflanzungstrieb. Ich war einmal der Meinung, der Fortpflanzungstrieb sei stärker als der Selbsterhaltungstrieb. Das ist falsch. In der deutschen Klinik haben sie uns vorgeführt, dass Nahrungsmangel den zweiten Trieb zum verschwinden bringt. Übrigens erzählte uns der liebe Herr Doktor, dass den Frauen, die hungern, das Umgekehrte wiederfährt. Hungrige Frauen wollen dringend Sex. (Übersetzung von mir, s.o.)
Das ist jetzt nicht furchtbar schlimm. Und je nach persönlichen Abneigungen und Vorlieben mögen die Leserin oder der Leser den mit entblöster Brust reitenden Putin oder die Reflexion über die Potenz ekliger finden.

Beides würde nicht in eine vernünftige Debatte gehören: Weder die klebrigen Anekdötchen, noch das Reiten zu Pferde. Wenn aber das eine, en passant, vom Focus und vielen anderen immer wieder erwähnt wird, dann sei immerhin das andere auch erwähnt.

Ansonsten kümmert Konsistenz den Focus einen Dreck: Den "bösen Moslem" hat er ja bei anderen Gelegenheiten gerne bemüht.

In der Jelzin-Ära, an deren Gestaltung Nemzow mitwirkte, sind Millionen von russischen Rentnern an Unterversorgung (mit Nahrung, mit Medizin) vorzeitig gestorben. Das -- und nicht nur die böse böse Propaganda des reitenden Putin -- könnte ein Grund dafür sein, warum Nemzows Partei im Vergleich zu Putins Partei lächerlich wenig Stimmen bekam. Nemzow versprach ja bürgerliche Freiheiten nur im Bündel mit Wirtschaftliberalismus, der als Doktrin zur Transformation kommunistischer Staatswirtschaften nur für den taugt, den die, die dabei untergehen, nicht stören.

Wer Nemzow umgebracht hat, weiß ich nicht; und Jauch weiß es nicht; und Kasparov weiß es ebensowenig (begnadetes Schachspiel befähigt keineswegs zur Hellseherei). Wenn die russische Justiz ermittelt, scheint mir das immer noch sachnäher als Ferndiagnosen von Jauch und Co. Dass die russische Justiz ihrerseits etwas vertuscht, ist natürlich auch möglich. Und zwar nicht nur, weil "Putin" intervenieren, sondern weil auch irgendwer sonst sie bestechen könnte. Das nimmt in einem Land, in dem der (nicht korrupte) Beamte ein vergleichsweise armer Schlucker ist, und in dem es einige Hundert Multimillionäre und -milliardäre gibt, nicht wunder. Wer nun wirklich an Rechtsstaatlichkeit in Russland interessiert wäre, müsste die Oligarchen loswerden. Als Khodorkovsky verurteilt wurde, wurde die Frage, ob er das verdient haben könnte, kaum gestellt. Auch der wurde heilig gesprochen, gegen alle Informationen. Besser wäre es doch gewesen, Putin dafür zu kritisieren, dass er die anderen Oligarchen, mit denen er sich verbündet hat, laufen lässt.

Wer mit Oligarchen gegen die russische Regierung ist, der mag seine Gründe haben. "Förderung der Demokratie" gehört nicht dazu. Gegen die russische Regierung und gegen die Oligarchie zu sein, wäre zumindest eine Nummer schlüssiger. Da aber diese Schlüssigkeit sich nirgends findet, bleibt dann doch der Verdacht, dass hinter der ganzen Fassade aus 'Freemanmoxy' (Bell) und Moralappellen doch nur ein ganz schnöder Interessenkonflikt liegt.

Freitag, 20. Februar 2015

Die Totengräber der EU

[Nachtrag vom 21. 2.: Der unten stehende Artikel war zu pessimistisch, da er die Verhandlungen zwischen der 'Eurogroup' und Griechenland schon scheitern sah. Eben aber habe ich erfahren, dass sich Griechenland und die EU  in letzter Sekunde doch noch auf eine 4-monatige Verlängerung geeinigt haben (unter Bedingungen, die  ich mir noch nicht angesehen habe.) Ich ändere trotz der falschen Prämisse nichts am nachstehenden Artikel, da ich die darin gemachten unerfreulichen Beobachtungen weiterhin für richtig halte, leider.  Sollte mich die Zukunft widerlegen, köpfe ich eine Flasche Champagner.]

Harmlos wirken heißt nicht harmlos sein. Einer der Totengräber der EU ist Schäuble. Griechenland hat eine neue Regierung gewählt; selbst wer vorgibt, die dahinter stehenden Gründe nicht zu verstehen, müsste so viel zugeben. Ansonsten ist es nicht so furchtbar kompliziert, zu verstehen, dass die von der Troika verordnete 'Rosskur' nicht der einzig mögliche Weg ist. Unsere Regierung wäre längst mit Schanden verjagt, wenn sie Deutschland zumuten würde, worüber sich die Griechen nicht beschweren sollen. Zwar haben die deutschen Duckmäuser Hartz IV, zunehmende Einkommens- und Vermögensungleichheit und einen allmählichen Übergang zur 'Zweiklassenmedizin' mit wenig Murren hingenommen und betrachten einen spät eingeführten, niedrig angesetzten und von Ausnahmen durchlöcherten Mindestlohn schon als große Errungenschaft. So weit aber, das Gesundheitssystem für hoi polloi zusammenbrechen zu lassen, würde man hier einstweilen nicht gehen. In Griechenland wurde genau das verlangt; es war kein Ergebnis irgendwelcher Misswirtschaft sondern eine direkte Folge der Umsetzung aller Kürzungsmaßnahmen, die die Troika verlangt hat. Aber stellen wir uns ruhig jemanden vor, der zu bigott wäre, das zuzugeben; es bliebe doch eine demokratisch gewählte Regierung mit einem Auftrag.

Die Stellungnahmen Varoufakis' gegenüber der 'Eurogroup' liegen als TRANSSKRIPT vor. Es finden sich Argumente, Statistiken, Vorschläge für einen anderen Schuldendienst, andere Modalitäten. Diese Vorträge sind darauf ausgelegt, den Boden für einen Kompromiss zu bereiten. In dem Transskript findet sich auch eine Stellungnahme, in der dargelegt wird, dass ein den Griechen angetragenes Kompromissangebot des Franzosen Moscovici kurz vor der anberaumten Unterzeichnung durch ein anderes Dokument ersetzt wurde, das bloß die Forderungen der Troika mit leicht aufgeweichter Wortwahl wiederholte. So geht man nicht mit Leuten um, die man respektiert, nicht wahr? Griechenland soll sich beugen, uns, Schäuble; die griechische Wahlentscheidung, die schon vor der Wahl nicht akzeptiert wurde, spielt keine Rolle. In der Pressekonferenz, die sich an das Eurogroup-Treffen vom 16. Februar 2015 anschloss, gab es noch weitere bemerkenswerte Stellungnahmen Varofakis', darunter diese [meine eigene Transskription]:
Let me simply say that in the history of European Union nothing good has ever come out of ultimatum. We proceed, as [?] had said, from crisis to crisis, and this is how we improve it. If have no doubt that in the next few days any notion of an ultimatum is going to be withdrawn and in a spirit of collegiality there will be... -- After all, what are we referring to? We are asking for a phrase that allows both sides an honourable means by which to commence the exploration of common ground. Our government respects that there is a current programme and that we have a commitment to it, as the Greek state like every state has a continuity. This is an important principle and we fully subscribe to it. And at the same time there is another important principle, and that is that democracy changes the facts on the ground. And we are in a government that has a critique of the current programme. Now what is democracy? Democracy is all about blending seemingly contradictory principles. This is the whole point of our democracy. Europe is a democracy, a splendid democracy, it's a big [?] for the rest of humanity. To proceed on the basis of ultimatum and to prioritise one principle against the other, and the especially when the other principle is a principle that democracy can change, a contract between partners and this government, that would be, I think, quite a negative repercussion for the whole of the European project.
Und da ich diese Passage, die man sich auf Youtube anhören kann, nirgends als Transskript gefunden habe, hier noch eine deutsche Version (ohne Gewähr):
Lassen Sie es mich einfach so sagen: In der Geschichte der Europäischen Union hat ein Ultimatum nie etwas Gutes bewirkt. Wir schreiten, wie [?] gesagt hat, von Krise zu Krise, und auf diese Weise verbessern wir es. Ich zweifle nicht, dass wir jede Idee eines Ultimatums in den nächsten Tagen vom Tisch kommt und es in kollegialem Geist zu... -- Worum geht es eigentlich? Wir bitten um einen Satz, der beiden Seiten einen ehrenhaften Weg zum Beginn der Suche nach Gemeinsamkeiten ermöglicht. Unsere Regierung anerkennt, dass es ein laufendes Programm gibt und das wir in diesem Verpflichtungen haben, da der griechische Staat wie jeder andere Staat in einer Kontinuität steht. Das ist ein wichtiges Prinzip, dem wir voll zustimmen. Gleichzeitig gibt es ein anderes Prinzip, nämlich, dass Demokratie die Sachlage ändert. Wir sind in einer Regierung die das laufende Programm kritisiert. Was ist nun Demokratie? Es geht darum, scheinbar widersprüchliche Prinzipien zu vereinen. Darum geht es in unserer Demokratie. Europa ist ein Demokratie, eine prachvolle Demokratie, sie ist ein großes [?] für den Rest der Menschheit. Auf der Grundlage eine Ultimatums weiterzumachen und das eine Prinzip über das andere zu stellen, besonders wenn das andere, an den Rand gedrängte Prinzip durch Demokratie verändert werden kann, ein Vertrag zwischen Partnern und dieser Regierung, das wäre, wie ich denke, ein ziemlicher Rückschlag für das europäische Projekt.
Tja so ist's. Und der (Zwangs-)Optimismus dieser Worte scheint durch die Engstirnigkeit Schäubles, der sicher nicht ohne Rückendeckung Merkels handelt, leider bereits widerlegt. Demokratie kümmert uns im Großen keinen Pfifferling, das ist die Wahrheit. Schäuble fertigt die griechische Regierung einfach so ab. Sich mit Argumente auch nur abzugeben, I wo. Die Presse raunt von persönlicher Abneigung Schäubles gegen Varoufakis; das mag Geschwätz sein. Es bleibt aber dabei, dass eine neue Regierung mit guten Argumenten etwas vorschlägt, das sie vorschlagen muss, wenn Demokratie eine Bedeutung hat, und man sie einfach so abblitzen lässt.  Es zieht sich eine Irritation durch viele Kommentare: Man ärgert sich, dass Varoufakis nicht demütig ist. Man ärgert sich wohl auch, dass er intelligenter wirkt als sein Gesprächspartner. Die Intelligenten fertigzumachen ließ sich in Deutschland immer schon ganz gut verkaufen. Einige Zeitungen frohlocken, dass der verkniffene Schwabe es dem stolzen Varoufakis zeigt. Gerne wird ad personam geschrieben, ein besonders blöder Kommentar von Jurek Skrobala im Spiegel arbeitet sich an Varoufakis' Lederjacke ab, die deplaziert sei. Wow! Tolle Analyse!

Schäuble ist einer der Totengräber der Europäischen Union, das ist kein falscher Satz, wenn das Demokratieprinzip derart unter ökonomische Prinzipien gestellt wird. Die ganzen forschen Hetzer gegen Russland sind die anderen Totengräber, weil sie aus einem kollaborativen Projekt  einen "Block gegen den Feind" machen. Das auswärtige Amt hat eine Handreichung an die Abgeordneten des Bundestags verschickt, die alles, was der ukrainischen Regierung zur Last gelegt werden kann, für russische Propaganda erklärt. Die Handreichung lässt alles aus, was ihr nicht passt, oder dreht's so, wie es ihr passt. Dass das von der Rada verabschiedete Gesetz, das dem Russischen den offiziellen Status als Minderheitensprache nahm, nicht in Kraft trat, wird als Argument dafür benutzt, eine Reaktion auf dieses Gesetz sei unverständlich und unnötig. Dabei ließe sich an diesem Gesetz auch ablesen, wes Geistes Kinder die sind, die es verabschiedet haben. Ein entsprechendes Gesetz gegen das Flämische würde in Belgien  zuverlässig zum Bürgerkrieg führen, was ist daran so unverständlich? "Die Russen sind schuld. Basta."  Wen kümmert's dann noch, dass die Kiewer Regierung derart rabiat auf eigene Bürger schießt  -- was sie nicht müsste -- und rechtsextreme Freiwilligenbataillon unterhält -- was vielfach belegt ist, aber in dem Schriftstück keine Erwähnung findet. Paragraph für Paragraph könnte man das Schreiben zerpflücken. Das aber wäre verlorene Liebesmüh: Der Sinn des Schreibens ist ja bloß, denjenigen, die ohnehin auf Burgfrieden eingeschworen ist, eine kanonische Formulierung vorzuschlagen.  Überaus demokratisch.

Dass wir nur Recht, und die nur Unrecht haben, propagiert der Text des Auswärtigen Amts wie auch der größere Teile unserer Presse, unserer Publizisten, unserer Dichter. Schulterschluss, Burgfrieden allenthalben.  Es ist aber bei Konflikten generell weiser, anzunehmen, dass beide Seiten in irgendwas Recht haben könnten. Dann aber müsste man ja ernsthaft nach Lösungen suchen,  das genau wollen die Akteure aber, wie im Fall Griechenlands, nicht, sondern sie wollen herrschen. Der Vorschlag einer Föderalisierung der Ukraine entspricht allgemeinen Grundsätzen der EU, hat auch beispielsweise Belgien vor dem Zerbrechen bewahrt, aber so richtig will keiner davon reden, da ihn der Russe gemacht hat.

Es konnte nicht ausbleiben, dass diese beiden Arten, das zu verraten, was die EU des Friedensnobelpreises würdig gemacht hätte, einen Claqueur finden, der sie verschmilzt:  Irgendwie gehören Griechenland und Russland zusammen; also schrieb's dem Sinn nach Bittner, einer der dümmsten unter den sich für Großjournalisten haltenden Schreibern der Zeit. Eine Schande das Ganze.   Die Uneinsichtigkeit der Mächtigen ist das eigentlich schlimme. Besonders widerwärtig ist aber  die Journaille, die vor der Macht kriecht und sie rechtfertigt, wie es Karl Kraus so schön für den Ersten Weltkrieg dokumentiert hat.   Wird der Bittner wohl bald wieder einen Preis kriegen. Alla.